Chronologie der Krise

Wie aus einer Immobilienblase eine Weltwirtschaftskrise wurde…

Europa: „Die EZB droht zur Bad Bank zu werden“

Posted by hw71 - 23. Mai 2010


Interessantes Interview mit dem Chefsvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer. Gefunden bei faz.net:

Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Mayer

„Die EZB droht zur Bad Bank zu werden“

Die Europäische Zentralbank (EZB) stützt den Markt durch Geldschöpfung. Damit verliert sie an Vertrauen, sagt der Ökonom Thomas Mayer. Der von ihm vorgeschlagene Europäischen Währungsfonds sei das richtige Instrument.

18. Mai 2010

Herr Mayer, die Euro-Staaten stellen riesige Summen bereit, um die Schuldenländer und die Märkte zu stabilisieren. Die EZB gibt wichtige Grundsätze auf und kauft Staatsanleihen. Und doch fällt der Euro weiter. Droht die große Rettung zu misslingen?

Ich hoffe nicht. Aber der ganzen Rettung fehlt ein wichtiger Mechanismus, der eine Staatspleite so gestaltet, dass sie nicht das ganze Finanzsystem gefährdet. Gerade jetzt fürchten die Anleger auf den Märkten, dass sich die EZB mit dem Kauf von Anleihen überschuldeter Ländern übernimmt.

Agiert die EZB wie eine Bad Bank, die kauft, was sonst keiner will?

Genau das ist das Problem. Sie droht, zur Bad Bank zu werden, wenn die Aktion nicht bald begrenzt wird. Der Markt fürchtet, dass die EZB als Auffangbecken benutzt wird und sich ihre Bilanz dadurch verschlechtert. Denn manche Staaten, deren Anleihen die Zentralbank jetzt kauft, könnten trotz aller Stützung in die Pleite gehen. Der dann drohende Forderungsverlust würde bei den Notenbanken des Euro-Systems zu Abschreibungen führen. Dann müssten die Regierungen entweder Kapital nachschießen und die Verluste ausgleichen. Oder wenn die Regierungen das ablehnen, was ja auch möglich ist, hätten wir einen Geldüberhang, der zu Inflation führen würde. Diese Furcht treibt die Marktdynamik.

Zweifeln Sie am Erfolg des Rettungsprogramms?

Ich wünsche den Erfolg, aber Zweifel sind berechtigt. Selbst wenn man davon ausgeht, dass die Griechen ihre Sparpläne wirklich umsetzen werden, ist für das Jahr 2012 ein Schuldenstand zu erwarten, der 150 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung des Landes entspricht. Das würde auf Jahre hinaus in dieser Größenordnung bleiben und wäre extrem belastend für Griechenland. Bei einem durchschnittlichen Zins von 5 Prozent brauchte es allein 7,5 Prozent der Wirtschaftsleistung für den Zins.

Ist das Unterfangen aussichtslos?

Nein, es gibt das Beispiel der Letten, die solch harte Einschnitte umgesetzt haben. Aber Zweifel bleiben eben.

Woher kommt also die Ablehnung der Märkte?

Bis vor kurzem gab es in den Rettungsprogrammen keine Antwort auf die Frage: Was geschieht, wenn es schiefgeht? Mit der neuesten Variante der ganz großen Rettung gibt es eine Antwort: Die EZB zahlt die Rechnung. Dann tritt sie als Lender of last Resort auf. Es besteht die Gefahr, dass die EZB aus diesem Sog nicht mehr herauskommt. Je mehr Anleihen sie kauft, desto schwieriger wird es, eines Tages die weitere Finanzierung zu versagen. So lange es keine tragfähigere Lösung für den Fall einer erforderlichen Umschuldung eines Euro-Staates gibt, werden die Zweifel auf den Märkten bleiben.

Wie kann man die EZB denn aus dieser Falle wieder befreien?

Es braucht rasch einen Fiskalagenten, der die EZB entlastet. Ich habe diese Institution mit meinem Kollegen Daniel Gros zusammen Europäischer Währungsfonds genannt. Im Prinzip agiert die EZB mit dem Kauf der Anleihen schon ähnlich. Nur sollte der Fonds nicht über die Zentralbank, sondern von den Regierungen finanziert werden. Nach unserem Vorschlag soll der Fonds durch die Begebung von Anleihen finanziert werden. Die EZB finanziert den Markteingriff dagegen durch Geldschöpfung.

Solange die Banken sich zum Leitzins, so viel Geld leihen dürfen, wie sie wollen, entscheiden ohnehin sie und nicht die EZB über die Geldmenge.

Das ist richtig. Derzeit hat die gestiegene Geldbasis noch keine großen Auswirkungen, weil die Banken das Geld nicht zur Kreditschöpfung nutzen. Wenn Sie so wollen, strömt Gas in den Raum. Es ist bloß noch keiner da, der ein Streichholz in der Hand hält.

Die EZB hat versprochen, das zusätzliche Geld wieder einzusammeln, indem sie den Banken verzinste Titel anbietet.

Das bedeutet aber, dass die EZB eine Schuldnergruppe subventioniert, nämlich die, deren Anleihen sie kauft. Und die anderen werden durch das Einsammeln des Geldes benachteiligt. Denn die EZB muss höhere Zinsen bieten, um an das Geld zu kommen, was neue Kredite verteuert.

Wenn die Umschuldung schon so wahrscheinlich ist, warum sollte man sie dann überhaupt hinauszögern?

Sie muss nicht kommen. Die Griechen haben eine Chance, die wir ihnen auch geben sollten. Wir brauchen nur für den Fall, dass es nicht klappt, ein Sicherheitsnetz.

Zu Ihrem Vorschlag eines Euro-Währungsfonds gehört, dass dieser im Fall einer Umschuldung Anleihen zu einem Preis kauft, der die Schuldenquote des Landes wieder auf 60 Prozent der Wirtschaftsleistung bringt. Im Falle Griechenlands würde das zu einem Abschlag von 50 Cent je Euro führen. Was würde das auf den Märkten bewirken, da die EZB zu weit höheren Preisen kauft?

Unser Vorschlag war für einen langfristigen Aufbau des Fonds mit Strafzahlungen für die Schuldenländer gedacht. Die Überschuldung hätte deshalb niemals das heutige Niveau erreicht. In der derzeitigen Situation, müsste das Kaufangebot wohl höher als 50 Cent je Euro liegen, eher bei 80 oder 90 Cent.

Würde ein solcher Fonds erst im Falle einer Staatspleite das Angebot aussprechen, oder könnte er es schon vorher?

Bei versagenden Märkten wie jetzt könnte er auch schon vor einem Zahlungsausfall mit Käufen beginnen.

Haben die Märkte wirklich versagt, oder sind die Preise nur unerwünscht?

In den Tagen vor dem letzten Rettungspaket wurden die Anleihen der finanzschwachen Schuldenländer kaum noch gehandelt. Die Märkte waren allerdings nicht irrational, eher das Gegenteil. Die Sorge, dass das Geld nicht zurückbezahlt wird, ist ganz realistisch.

Hat die EZB an Reputation und Glaubwürdigkeit verloren?

Ja, aber man kann den Schaden begrenzen. Dafür muss klar sein, dass die Stützung einzigartig, zeitlich und im Volumen begrenzt ist. Deshalb muss man sehr schnell einen Ersatz bauen, einen Fonds der sich durch Anleihen und nicht durch Geldschöpfung finanziert.

Wenn die Politik das wollte, wie schnell kann ein Euro-Währungsfonds geschaffen werden?

Ich glaube, innerhalb einiger Wochen. Dafür brauchte es meiner Einschätzung nach keine Änderung der Europäischen Verträge. Es reichen Vertragszusätze.

Das Gespräch führte Stefan Ruhkamp.

Text: F.A.Z.

Bildmaterial: Deutsche Bank Research

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