Chronologie der Krise

Wie aus einer Immobilienblase eine Weltwirtschaftskrise wurde…

Griechenland: Hilfspaket angefragt…

Posted by hw71 - 23. April 2010


Schneller als von manchem erwartet hat Griechenland das vor kurzem erst geschnürte „Care-Paket“ angefragt – aber viele Fragen bleiben, z.B. auch, ob die anderen, ohnehin schon in leichte Schieflage geratenen PIGS Staaten wie Portugal oder Spanien, sich die Beteiligung an den Griechenland-Hilfen überhaupt leisten können…

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23. April 2010, 15:55 Uhr

Trotz Hilfe

Welche Risiken für Hellas bleiben

Von Kai Lange

Griechenland hat die EU und den IWF um Finanzhilfen gebeten. Was passiert, wenn die Sanierung Griechenlands dennoch misslingt? Sind bald Portugal oder Spanien an der Reihe? Welche Risiken tragen Steuerzahler und Investoren? manager magazin beantwortet die wichtigsten Fragen.

Hamburg – Das Pokerspiel ist zu Ende. Monatelang hat sich Griechenland darum bemüht, seine Schulden am Kapitalmarkt zu refinanzieren – während das Vertrauen der Investoren schwand und die Risikoprämien für griechische Staatsanleihen weiter in die Höhe gereizt wurden. „Der Markt wollte schlichtweg das Blatt sehen“, meint Stefan Schilbe, Chefvolkswirt von HSBC Trinkaus.

Bei Renditen von zeitweise 8,7 Prozent für zehnjährige Staatsanleihen sieht das Land keine Chance mehr, sich frisches Geld am Markt zu besorgen. Es muss Kredite der Euro-Länder und des IWF in Anspruch nehmen, um einen Staatsbankrott zu verhindern.

Die Euro-Länder und der IWF werden Griechenland deutlich günstigere Kredite bereitstellen, als sie der Markt derzeit bietet. Der Umfang des Kreditpaketes dürfte bei rund 45 Milliarden Euro liegen, von denen die Euro-Länder zunächst 30 Milliarden und der IWF 15 Milliarden tragen. Dieses Geld verschafft dem hoch verschuldeten Land Zeit, um seine Finanzen in Ordnung zu bringen und Vertrauen am Finanzmarkt zurückzugewinnen.

Nach Einschätzung der Deutschen Bank steht Griechenland vor einer „Herkulesaufgabe“. Hellas will seine Neuverschuldung von derzeit 13,5 Prozent des BIP binnen vier Jahren auf 2 Prozent des BIP drücken.

Dies ist schon unter positiven konjunkturellen Rahmenbedingungen schwierig. Der verordnete strikte Sparkurs dürfte die Wirtschaftsleistung des Landes bis 2012 um knapp 10 Prozent einbrechen lassen. Die Arbeitslosigkeit dürfte laut Deutscher Bank von 9 auf 19 Prozent hochschnellen. Wachstum ist aber Voraussetzung für eine erfolgreiche Entschuldung – die Konjunktur darf nicht vollends abgewürgt werden.

Von einer Rettung Griechenlands kann also noch keine Rede sein. Bis zu einer Bewältigung der Schuldenkrise sind weitere Hürden zu überwinden – zunächst einmal für den Weltwährungsfonds, der das Sanierungskonzept für Griechenland organisieren muss.

Warum steht der IWF jetzt unter Zeitdruck?

Normalerweise verhandelt der IWF im Fall einer Nothilfe nur mit der Zentralbank und der Regierung des betroffenen Landes – im Fall Griechenland muss sich der Weltwährungsfonds mit Griechenland, der Europäischen Zentralbank und den EU-Staaten auseinandersetzen.

„Da so viele verschiedene Akteure beteiligt sind, dürfte es für den IWF nicht einfach sein, eine Einigung zu erzielen“, heißt es in einem Kommentar der Deutschen Bank. Ohne ein fertiges Sanierungskonzept des IWF kann Griechenland jedoch nicht mit Hilfen der Euro-Partner rechnen, betonte ein Sprecher der Bundesregierung: „Ein IWF-Paket ist Voraussetzung für die Aktivierung des Hilfspakets.“

Wann fließt das Geld von EU-Ländern und IWF?

Zunächst muss der förmliche Hilfsantrag Griechenlands von EU-Kommission, EZB und IWF geprüft werden. Anschließend müssen die Staats- und Regierungschefs im Europäischen Rat beschließen, die Hilfen zu gewähren. Nach diesem Grundsatzbeschluss werden IWF und Europäische Kommission ein Sanierungsprogramm erstellen.

Da der Weltwährungsfonds sicherstellen muss, dass die Finanzierung des Landes für die kommenden Jahre gesichert ist, wird der IWF auch Informationen über den Kreditbedarf Griechenlands in den Jahren 2011 und 2012 anfordern. Bilaterale Kredite der EU-Länder sind außerdem von der Zustimmung der nationalen Parlamente abhängig.

Wie viel Geld muss Deutschland zahlen?

Bislang haben die EU-Länder Griechenland in diesem Jahr Kredite in Höhe von rund 30 Milliarden Euro avisiert. Da das Kapitalgewicht Deutschlands bei der EZB knapp 20 Prozent beträgt, wäre der deutsche Steuerzahler zunächst mit rund 8,4 Milliarden Euro dabei. Dieser Betrag dürfte deutlich steigen, wenn der zusätzliche Kreditbedarf Griechenlands für die beiden Folgejahre ermittelt wird. Beobachter rechnen damit, dass die EU für 2011 und 2012 weitere 35 Milliarden Euro Kredit bereitstellen wird, was den deutschen Beitrag um knapp 10 Milliarden auf dann rund 18 Milliarden Euro erhöhen dürfte.

Warum sind die Hilfen Subventionen?

Griechenland muss für die Kredite der Euro-Länder Zinsen in Höhe von voraussichtlich rund 5 Prozent zahlen. Dies liegt deutlich unter dem derzeit am Markt geforderten Zinssatz. Die Kostenersparnis Griechenlands liegt nach Berechnungen der Deutschen Bank für die ersten 30 Milliarden Euro bei bis zu 530 Millionen Euro – dieser Betrag könnte als „Subvention“ bezeichnet werden. Gleichzeitig stellen die EU-Länder mit ihren Zusagen sicher, dass sich Griechenland zu planbaren Konditionen in den kommenden Jahren refinanzieren kann.

Der vom Weltwährungsfonds geforderte Zinssatz ist deutlich niedriger als die von den EU-Ländern geforderte Prämie. Er dürfte unter 3 Prozent liegen, dafür ist die Auszahlung der einzelnen Kredittranchen an strenge Auflagen geknüpft.

Müssen bald auch Portugal, Irland und Spanien gestützt werden?

An den EU-Hilfen für Griechenland sind auch die anderen hoch verschuldeten „Krisenstaaten“ der Euro-Zone beteiligt. An dem bereits zugesagten Kreditpaket der Euro-Länder in Höhe von 30 Milliarden Euro trägt Spanien 3,7 Milliarden Euro, Portugal 0,8 Milliarden Euro und Irland 0,5 Milliarden Euro. Die Beträge dürften mit den erwarteten Kreditzusagen für 2011 und 2012 noch steigen. Am Markt herrscht die Befürchtung, dass die zusätzlichen finanziellen Belastungen die Probleme in diesen Staaten verschärfen könnte.

Dennoch sei Griechenland nicht mit Spanien, Portugal und Irland zu vergleichen, betonen die Analysten der Deutschen Bank. Die öffentliche Verschuldung Griechenlands lag 2009 bei knapp 120 Prozent der Wirtschaftsleistung – während sie Irland 78 Prozent, in Portugal 65 Prozent und in Spanien „nur“ 55 Prozent des BIP betrug. Alle drei Staaten hätten im Vergleich zu Griechenland daher wesentlich bessere Voraussetzungen, ihre Schuldenlast zu stemmen.

Spanien, Portugal und Irland genießen derzeit ein höheres Vertrauen am Finanzmarkt und konnten sich auf Grund ihrer besseren Bonität bislang wesentlich leichter am Kapitalmarkt refinanzieren. In Irland reiche die Liquidität bereits aus, um den Bruttofinanzbedarf in diesem Jahr zu decken. „Wir sehen Griechenland innerhalb der Währungsunion als Einzelfall“, meint Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank.

Was passiert, wenn die Sanierung Griechenlands misslingt?

Der Konsolidierungskurs der Regierung in Athen ist extrem ehrgeizig. Binnen vier Jahren soll die Neuverschuldung um 11,5 Prozent gedrückt werden – von derzeit 13,5 Prozent auf nur noch 2 Prozent des BIP im Jahr 2013. Dies ist nur mit Hilfe eines rigiden Sparprogramms möglich, das gleichzeitig aber auch die Konjunktur nicht komplett abwürgen darf. Die Wirtschaftsleistung Griechenlands dürfte in diesem Jahr auf Grund der Konsolidierung um 4 Prozent einbrechen, das wäre der schärfste Rückgang seit 1974. Bis 2012 dürfte das BIP sogar um knapp 10 Prozent zurückgehen und die Arbeitslosigkeit auf 19 Prozent steigen.

Das Athener Konsolidierungsprogramm ist optimistisch, weil es unterstellt, dass die wirtschaftliche Aktivität unter den Sparvorgaben nicht allzu stark leiden wird und die öffentliche Verschuldung bis 2019 wieder zurückgehen wird. Es besteht jedoch das Risiko, dass der strikte Sparkurs eine Abwärtsspirale in Gang setzt: Sinkt die Wirtschaftsleistung, steigt der am BIP gemessene Verschuldungsgrad des Landes.

Im Falle eines „Wachstumsschocks“ – das Wachstum fällt jährlich um 1 Prozent niedriger aus als unterstellt – würde die Staatsverschuldung bis 2019 auf 190 Prozent des BIP steigen. Im Fall eines „Zinsschocks“ – Griechenland müsste am Markt ab 2011 um 1 Prozent höhere Zinsen zahlen als angenommen – stünde die Staatsverschuldung auch 2019 bei knapp 130 Prozent des BIP. Kombiniert man beide Szenarien, erhöhen sich die Risiken.

Entscheidende Voraussetzung für eine Sanierung Griechenlands ist daher ausreichend Wachstum der Realwirtschaft: Dies wiederum setzt voraus, dass Griechenland seine Wettbewerbsfähigkeit steigert. Ohne Wachstum wird es keine Chance auf Entschuldung geben.

Die Finanzhilfen der Euro-Länder und des IWF sind jedoch daran geknüpft, dass Griechenland seine Sparvorgaben erfüllt und sein Sanierungsprogramm voranbringt. Sollte dies nicht mehr der Fall sein, müssten die Finanzhilfen eingestellt werden. Dies könnte zu einem Zahlungsausfall Griechenlands führen.

Was geschieht im Fall einer Staatspleite?

Ein Zahlungsausfall Griechenlands hätte zur Folge, dass die Kurse griechischer Staatsanleihen in den Keller rauschen. Investoren, die Anleihen gekauft und Griechenland damit Geld geliehen haben, verlieren viel Geld. Den Großteil griechischer Anleihen halten europäische Großbanken sowie Zentralbanken einzelner Staaten.

Wie hoch die Verluste der Investoren sein dürften, lässt sich nur abschätzen. Beispiele liefern frühere Staatspleiten wie in Russland und in Argentinien: Russland erklärte sich 1998 für zahlungsunfähig, und Argentinien konnte 2001 seine Schulden nicht mehr bedienen.

Russland und Argentinien als jüngere Beispiele

Beide Staaten boten ihre Anleihen zum Umtausch an – mit einem gehörigen Abschlag. Bei argentinischen Papieren betrug der Abschlag der Anleihen nach Berechnungen von Moody’s 30 Tage nach dem Zahlungsverzug durchschnittlich 73 Prozent des Nennwertes, bei russischen Papieren waren es sogar 82 Prozent Abschlag. Über alle von Moody’s untersuchten 13 Länder hinweg mussten Investoren einen durchschnittlichen Abschlag von 50 Prozent hinnehmen – die Hälfte des Geldes war weg.

Gläubiger argumentieren, dass ein Zahlungsausfall Griechenlands dem noch labilen Finanzsektor einen schweren Stoß versetzen und wie eine zweite Lehman-Pleite wirken würde – aus diesem Grund müsse eine Pleite unter allen Mitteln verhindert werden.

„Staatspleiten kommen ähnlich wie Vulkanausbrüche zu einem unerwarteten Zeitpunkt, die Kosten für die Anleger sind hoch“, schreiben die Analysten der Commerzbank in einer Studie. „Auch das Einschreiten des IWF kann nicht garantieren, dass ein Land seine Staatsfinanzen erfolgreich saniert“.

Griechenland hat also noch viel Arbeit vor sich, Risiken für Investoren bleiben bestehen – auch dann, wenn die Hilfe von IWF und Euro-Ländern in Kürze fließt.

© manager-magazin.de 2010

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