Chronologie der Krise

Wie aus einer Immobilienblase eine Weltwirtschaftskrise wurde…

Griechenland: Schulden machen, um Zinsen zu bezahlen…

Posted by hw71 - 18. April 2010


… Das ist das Rezept für ein Schneeballsystem. Ein erfrischend offener Artikel zur Situation in Griechenland, zu den „Halbwertszeiten“ von Politikeraussagen und warum das Rettungspaket – wenn überhaupt – nur reine Zeitschinderei ist. (Dumm nur, dass alle anderen Länder ebenfalls ein solches Schneeballlsystem betreiben – aber das steht natürlich nicht in dem Artikel…😉  ). Ausserdem interessant: Angie war in der Nacht zu Samstag in Portugal!

Gefunden bei faz.net (Hervorhebungen von mir hinzugefügt):

Schuldenkrise

Die griechische Tragödie ist noch nicht zu Ende

Von Patrick Bernau und Winand von Petersdorff

18. April 2010

Selbst in Berlin verraucht allmählich der letzte Zweckoptimismus. Griechenland wird sich aus dem 45-Milliarden-Euro-Notpaket bedienen, das die Euroländer und der Internationale Währungsfonds gepackt haben. Einzelheiten sind schon klar: Die staatliche KfW-Bank wird den deutschen Anteil beisteuern: einen 8,4-Milliarden-Euro-Kredit, für den die Bundesregierung bürgt. Pro Kopf sind das rund 100 Euro.

„Es fließen keine Haushaltsmittel“, beeilt sich Finanzminister Wolfgang Schäuble den widerwilligen Bürgern zu erklären. Der Bund verdiene an dem Geschäft sogar die Bürgschaftsgebühr.

Grafik: Fälligkeit griechischer Schulden

Fälligkeit griechischer Schulden (Klicken für größere Darstellung)

Der Bund liefert mit jeder Eskalationsstufe der Griechenland-Krise eine neue Darstellung seiner Rolle als Helfer. Erst sollte es gar kein Geld geben. Dann hieß es: Wir stellen Geld bereit, damit es nicht in Anspruch genommen wird, sondern die Kapitalmärkte beruhigt. Das aktuelle Motto lautet nun: Wir stellen – als Ultima Ratio – Geld bereit, aber es kostet die Bürger nichts. Doch selbst diesem Satz könnte eine kurze Geltungsdauer beschieden sein.

Fundamentaldaten rechtfertigen Misstrauen

Der Wahrheit am nächsten kommt der Satz: Wir stellen Geld bereit und wissen nicht, ob es reicht. Und ob wir etwas davon wiedersehen.

Die Kapitalmärkte misstrauen der Wirkung des Notprogramms zumindest. Die Spreads der Griechenland-Anleihen sind seit der Verkündung des Notpakets am vergangenen Wochenende weiter gestiegen. Die Bundesregierung habe sich auf ein riskantes Geschäft eingelassen, vermutet der Berliner Finanzwissenschaftler Charles Blankart: „Zusammen mit den anderen EU-Staaten stemmt sie sich gegen die Marktkräfte.“ Das geht regelmäßig in die Hose.

Der Schweizer Ökonom erinnert an das Jahr 1992, als die britische Regierung versuchte, den Wechselkurs des Pfund Sterling gegen die Marktkräfte zu verteidigen. „Die Rechnung ging nicht auf. Gewinner war George Soros, der gegen das Pfund und die Politik der britischen Regierung spekulierte; denn seiner Ansicht nach rechtfertigten die Fundamentaldaten den hohen Pfundkurs nicht. Soros behielt recht und wurde durch seine Gegenspekulation über Nacht zu einem Milliardär.“

Die griechischen Fundamentaldaten rechtfertigen das Misstrauen der sogenannten Spekulanten: Mit dem Rettungspaket ist die griechische Tragödie noch nicht zu Ende. Zunächst einmal ersetzt Griechenland mit den Mitteln von EU und IWF nur Anleihen, die Griechenland sonst zu höheren Zinsen hätte am Kapitalmarkt aufnehmen müssen. Es geht um einen längst im Athener Staatshaushalt verbratenen Finanzbedarf, der gar nichts an den schlechten Wirtschaftsdaten des Landes ändert.

Eine wichtige Frage formuliert Philip Gisdakis, Chef-Kreditanalyst der Bank Unicredit: „Wie wird die Zeit genutzt, bis die nächsten großen Rückzahlungen fällig sind – also bis in einem Jahr?“

Vor allem der IWF, dessen Budgetexperten am Montag nach Athen kommen, wird ein straffes Ausgabensenkungsprogramm installieren und helfen, das Steuersystem zu modernisieren. Das klingt schon mal ganz gut. Doch selbst wenn die Maßnahmen ebenso greifen wie die eigenen Sparprogramme der Regierung, hilft es kaum gegen die zunehmend erdrückende Schuldenlast.

15 Prozent der Staatseinnahmen gehen für Zinsen drauf

Die Annahmen der griechischen Regierung, auf denen die Haushaltsplanung beruht, sind viel zu optimistisch. So unterstellt Athen für seine mit der EU abgestimmten Budgets von 2011 an ein Wachstum von 3,5 Prozent und mehr. Woher das kommen soll, bleibt unklar, wenn gleichzeitig der Staat sich keine Straßen bauen kann und Beamtengehälter kürzen muss. Das Land rechnet sich immer noch schön.

Die Herausforderung ist allerdings auch beängstigend: Griechenland will mittelfristig nicht nur das Defizit herunterbringen von 13 Prozent auf die Euro-kompatiblen 3 Prozent vom Bruttosozialprodukt. Das Land muss zudem mit steigenden Zinslasten zu überleben trachten.

Im Moment gehen 15 Prozent der Staatseinnahmen für Zinsen drauf. Bis 2013 verschlingen die Zinsen ein Viertel der Einnahmen, erwartet die Ratingagentur Moody’s trotz der Sparbemühungen. Das ist eigentlich trivial: Ein Defizit bedeutet nun einmal, dass der Schuldenberg wächst und mit ihm die Zinsbelastung.

Der Schweizer Ökonom Blankart bringt es auf den Punkt: „Das Beängstigende ist, dass Griechenland die Euro-Hilfe vor allem braucht, um die Zinsen auf seine schon bestehende Schuld zu begleichen.“ Schulden machen, um Zinsen zu bezahlen: Das ist das Rezept für ein Schneeballsystem.

Forderungen nach Schuldenkonferenzen

Analysten des renommierten Magazins „Economist“ erwarten deshalb, dass die Griechen mindestens 67 Milliarden Euro von Euroländern und dem Währungsfonds benötigen statt 45 Milliarden. Das ist eine gewaltige Summe für ein ziemlich kleines Land.

Und dann? Dann ist immer noch nicht klar, ob der kritische Patient überlebt. Erste Forderungen nach Schuldenkonferenzen werden verbreitet. Die Gläubiger, zu denen neben der Bundesrepublik auch die deutschen Banken und Versicherungen zählen, müssten einem „Haircut“ zustimmen: einer Kürzung der Anleihensumme. Der letzte berühmte Fall war Argentinien, das für zehn geliehene Dollar den Anleihegläubigern drei zurückgab. Das könnte der nach der Finanzkrise noch höchst fragilen europäischen Bankenwelt einmal einen schweren Schlag versetzen. Allein die deutschen Institute sind mit 30 Milliarden Euro in Griechen-Bonds engagiert, dazu kommen noch Wetten auf den Kreditausfall Griechenlands in unbekannter Höhe.

Griechenland sei ein Sonderfall, verbreitet Berlin. Und an dieser Stelle ist die Politik einig mit den Kapitalmärkten. Die Spreads anderer PIIGS-Anleihen zu den deutschen Bundesanleihen sind nicht gestiegen.

Der Finanzwissenschaftler Stefan Homburg glaubt nicht, dass das so bleibt. Vor allem die kleinen Länder könnten schnell zu neuen Bailout-Kandidaten werden. Erste ängstliche Blicke gehen nach Westen an die europäische Atlantikküste, wo die fröhlichen Portugiesen hohe Schulden mit geringem Wachstum vereinen. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Nacht zum Samstag in Lissabon verbracht, nach ihrer Rückkehr aus Kalifornien. Sie wird doch wohl nichts versprochen haben?

Text: F.A.S.

Bildmaterial: AFP, F.A.Z.

2 Antworten to “Griechenland: Schulden machen, um Zinsen zu bezahlen…”

  1. […] Griechenland: Schulden machen, um Zinsen zu bezahlen […]

  2. […] „… eine Art Schneeballsystem auf höchstem Niveau.“ (siehe auch „Griechenland: Schulden machen, um Zinsen zu bezahlen…„). Gefunden bei […]

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