Chronologie der Krise

Wie aus einer Immobilienblase eine Weltwirtschaftskrise wurde…

Europa: Was auf die Griechen-Retter zukommt…

Posted by hw71 - 12. April 2010


Lesenswerte Zusammenfassung der Konsequenzen für einen bevorstehenden Griechenland-Bailout. Es wird auch angerissen, wie sehr sich die deutschen Banken über den Bailout freuen(!) und mit wieviel EUR z.B. Spanien bei hiesigen Instituten in der Kreide steht. Gefunden bei ftd.de (Hervorhebungen von mir hinzugefügt):

12.04.2010, 18:00

Konsequenzen des Bail-Outs

Was auf die Griechen-Retter zukommt

Das Rettungspaket für Griechenland ist geschnürt. Während die Märkte feiern, stellen sich wichtige Zukunftsfragen: Welchen Beitrag muss Deutschland leisten? Wie geht es weiter in der EU? FTD.de beantwortet, wie sich die Hellenen-Krise auswirkt. von Tobias Bayer Frankfurt und Kai Beller Berlin

Nach einer Grundsatzeinigung der Euro-Finanzminister auf ein milliardenschweres Hilfspaket für Griechenland klären nun Experten wichtige Einzelheiten wie die Zinssätze. Vertreter der EU-Kommission, des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Europäischen Zentralbank (EZB) kamen dazu am Montag in Brüssel zusammen. Die Beratungen fanden hinter verschlossenen Türen statt, eine Information der Öffentlichkeit war nicht geplant.

Der Sprecher von EU-Währungskommissar Olli Rehn sagte, es handele sich um laufende Beratungen auf technischer Ebene, die weitergeführt werden sollten. Einen Zeitplan dafür nannte er nicht. Euro-Länder und der IWF wollten im Notfall mit einem gemeinsamen Programm eingreifen. Der Sprecher Rehns sagte, die Euro-Länder und der IWF wollten im Ernstfall eng zusammenarbeiten.

FTD.de fasst zusammen, was auf die Euro-Länder, die Banken und die EU zukommt.

(mit Agenturen)

Welche Kosten kommen auf Deutschland zu?

Deutschland trägt im Notfall den Löwenanteil am Rettungspakt für Griechenland und würde Kredite von bis zu 8,4 Mrd. Euro überweisen. Dies sei die Obergrenze, wenn alle anderen Euro-Staaten mitziehen und der Regierung in Athen finanziell zur Seite springen, sagte ein Sprecher von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble am Montag in Berlin.

Ob auf Deutschland mehr als 8,4 Mrd. Euro zukommen könnte, falls einige Euro-Länder beim Rettungspaket nicht mitziehen, ließ Schäubles Sprecher offen. „Das wäre ein Blick in die Glaskugel“, sagte er. Für Deutschland würde die staatliche Förderbank KfW als Kreditgeber auftreten und der Bund eine Garantie dafür abgeben. Spielräume für Steuersenkungen im Haushalt seien davon nicht betroffen. Im Notfall müsste sich auch der Bundestag mit Thema befassen, sagte der Sprecher. Andere Länder leisten deutlich weniger. Auf Deutschland folgen Frankreich (knapp 6,3 Mrd. Euro) und Italien mit 5,5 Mrd. Euro.

Wie reagierte die deutsche Politik auf das Rettungspaket?

Die Koalitionsparteien äußerten sich zurückhaltend zu der Einigung. Vor allem die Union steht den Finanzhilfen sehr kritisch gegenüber. Von den Regierungsfraktionen äußerte sich nur die FDP, die den Kurs von Kanzlerin Merkel unterstützte. „Es erhöht die Glaubwürdigkeit der Eurozone, wenn die Partner die Ernsthaftigkeit ihres Rettungsplanes durch dessen konkrete Ausgestaltung unter Beweis stellen“, sagte ihr Finanzexperte Volker Wissing. Wer weiterhin versuche, den Euro künstlich weich zu reden, handle unverantwortlich.

Die Opposition lobte zwar die Verständigung, übte aber dennoch Kritik an der Hinhaltetaktik der Regierung. „Frau Merkel hätte schon längst – auch im wohlverstandenen eigenem Interesse – diese europäische Solidarität an den Tag legen müssen“, sagte die stellvertretende SPD-Fraktionschefin Angelica Schwall-Düren.

Doch es gab auch andere Meinungen bei den Sozialdemokraten. Ihr Haushaltsexperte Carsten Schneider sieht dagegen „enorme Risiken für die deutsche Staatsfinanzierung“. Falls die Notfallkredite fällig würden, befürchtet er deutliche Mehrkosten. Es werde Risikoaufschläge für deutsche Staatsanleihen geben, weil Investoren auch die Griechenland-Kredite berücksichtigten, sagte Schneider der Deutschen Presse-Agentur.

Der SPD-Politiker bemängelte zudem, dass private Gläubiger – die jetzt von der Hilfszusage profitierten – offenbar nicht beteiligt werden. Wer griechische Anleihen gekauft habe, kassiere wegen des größeren Risikos höhere Zinsen. „Wenn das Risiko jetzt generell Null ist, weil im Endeffekt andere Staaten und Deutschland einspringen, dann rechtfertigt das auch den höheren Zins nicht.“ Private Gläubiger müssten daher an dem Hilfspaket beteiligt werden.

Gerhard Schick, finanzpolitischer Sprecher der Grünen, sieht eine … Gerhard Schick, finanzpolitischer Sprecher der Grünen, sieht eine Niederlage der Kanzlerin

Das verlangten auch die Grünen. „Es darf nicht – wie schon bei der Bankenrettung – zu einer Absicherung privater Gewinne durch den Steuerzahler kommen“, sagte ihr Finanzexperte Gerhard Schick. Er warf Merkel vor, dem Treiben an den Finanzmärkten viel zu lange zugesehen zu haben.

Für die Regierung bedeute das späte Einlenken eine Niederlage, sagte Schick: „Was Schwarz-Gelb mit Blick auf die NRW-Wahl mit schrillen Worten und einer starrsinnigen Haltung unbedingt vermeiden wollte, ist eingetreten: Deutschland wird mit 8,4 Mrd. Euro helfen müssen.“ Weil die Griechenland-Hilfe unpopulär ist, wurde gemutmaßt, dass Merkel eine Entscheidung auf die Zeit nach der NRW-Wahl verschiebt. Das hat sich nun nicht bestätigt.

Was bedeutet die Einigung für die deutschen Banken?

Die Banken reagierten erleichtert auf das Rettungspaket für Griechenland. Hiesige Geldhäuser sind nach den jüngsten Daten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich mit 43 Mrd. $ in Griechenland engagiert. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann hatte zuvor für den Fall einer Pleite Athens vor Milliardenkosten für die deutsche Branche gewarnt.

Allerdings herrscht große Vorsicht vor. Der Blick richtet sich dabei vor allem nach Spanien und Portugal. Die Iberer stehen im Vergleich zu Griechenland mit dem Sechsfachen hierzulande in der Kreide. Zusammen mit Portugal sind es rund 300 Mrd. $. Anders als im Falle Griechenlands wären Experten zufolge alle deutschen Banken von einer Zahlungsunfähigkeit der Spanier und Portugiesen massiv betroffen.

„Meiner Meinung nach ist die Ansteckungsgefahr heute dramatisch niedriger“, sagte Alessandro Profumo, Vorstandschef von Unicredit. Die Anleger an den Aktienmärkten blieben dagegen skeptischer. Finanzwerte wie Deutsche Bank und Commerzbank lagen am Montag nur leicht im Plus. „Solange die Wirtschaft nicht wieder wächst, bleibt jedes Haus auch in Zukunft vorsichtig“, sagte Bankanalyst Dirk Becker vom Finanzinstitut Kepler. Die Faktenlage sei noch nicht überzeugend: „Die EU wird mit den Milliardenhilfen irgendwann an ihre Grenzen stoßen, wenn sich Anleger weigern sollten, auch spanische oder portugiesische Bonds zu kaufen.“ Daher gebe das verabschiedete Hilfspaket keinen Grund zum Aufatmen.

Welche Hilfe kann der IWF leisten?

Wieviel Geld der Internationale Währungsfonds zur Verfügung stellt, ist abhängig von der Quote des jeweiligen Landes. Griechenland kommt hier auf 1 Mrd. Euro. Das offizielle Maximum an Hilfen, die die Organisation in Washington leisten könnte, liegt bei 60 Prozent dieser Quote. Allerdings sind Abweichungen von der Norm die Regel.

Durchschnittlich beliefen sich die Hilfen zuletzt auf 1000 Prozent der Quote. Bei Lettland waren es 1200 Prozent, bei der Türkei sogar 2000 Prozent. Nimmt man solche Beträge als Basis, könnte der IWF den Hellenen 15 bis 20 Mrd. Euro bereitstellen. Genug Geld wäre vorhanden: Der Währungsfonds weist momentan 340 Mrd. Euro an freien Mitteln aus.

Fraglich ist, zu welchem Zinssatz der IWF das Geld an Griechenland bereitstellen wird. Während die Euro-Länder bereits die Konditionen festlegten – variabel verzinste Darlehen nehmen als Basis den dreimonatigen Euribor, Kredite mit festen Sätzen basieren auf den Euribor-Swapsätzen plus einem Aufschlag von 300 Basispunkten, für Laufzeiten von mehr als drei Jahren werden zusätzlich 100 Basispunkte fällig -, steht das Engagement des IWF noch nicht fest. Als Faustregel gilt: Die Zinsen des IWF liegen gewöhnlich deutlich unter den Marktkonditionen. Laut Barclays Capital ist die Höchstgrenze momentan 4,25 Prozent.

Welche Reformen stehen in der EU an?

Die Europäische Zentralbank (EZB) drängt auf mehr Transparenz bei den Wirtschafts- und Haushaltszahlen der Euro-Mitgliedsstaaten. Sie fordert, dass die europäische Statistikbehörde Eurostat mehr Informationen bekommt als bisher. Es sei sinnvoll, dass Eurostat von den jeweiligen Regierungen Einblicke in die Haushaltslage und in die sozialen Sicherungssysteme bekomme, hieß es bei der EZB.

Mehr Kontrollrechte sollten auch dazu dienen, geschönte Statistiken zu entdecken. „Die Transparenz erhöht sich so. Denn wenn Swap-Vereinbarungen und Forward-Rate-Vereinbarungen eingesetzt werden, um die Schuldenziffern zu drücken, verlieren die Zahlen ihre Glaubwürdigkeit“, hieß es bei der EZB. Die Zentralbank spielte dabei auf Griechenland an, das mithilfe von Derivaten unter Anleitung von Goldman Sachs im Jahr 2001 seine Statistik verbessert hatte. Solche Transaktionen setzten auch andere Länder ein.

Eher langfristig angelegt ist die Diskussion um eine europäische Wirtschaftsregierung. Die Grundgedanken reichen weit zurück. Bereits 1977 kam der MacDougall-Report zum Schluss, dass eine Währungsunion nur unter der Bedingung einer fiskalischen Verzahnung der Mitgliedsstaaten durchsetzbar sei. Frankreich gilt als Befürworter einer solchen Verzahnung. David Watts, Analyst bei Creditsights, hält die Debatte für unausweichlich: „Die Griechenland-Lösung sollte für mehrere Handelstage reichen. Aber das Hauptproblem der zu hohen Verschuldung mehrerer Staaten verschwindet dadurch nicht. Es bleibt abzuwarten, wann es wieder zu Tage tritt“, schrieb er in einem Researchbericht.

Was bedeutet die Griechenland-Krise für Unternehmen?

Ratingagenturen halten es für möglich, dass sich wegen der hohen Verschuldung vieler Länder auch die Unternehmensrefinanzierung verteuert. Weil die Regierungen ihren Haushalt konsolidieren müssten, und die Notenbanken die Geldpolitik verschärften, könnte sich die Kapitalaufnahme für Firmen erschweren, schrieb Moody’s-Analyst Jean-Michel Carayon in einem Bericht. Über Monate herrschte ein regelrechter Boom am Anleihemarkt.

Aus Sicht von Moody’s-Experte Carayon könnte sich die Schwierigkeiten von Staaten und Unternehmen an Geld zu kommen wechselseitig verschärfen. „Industrieunternehmen haben ein höheres Risiko in Ländern, in denen sie schon Schwierigkeiten haben. Das wiederum könnte dazu führen, dass das Sovereign-Risiko insgesamt steigt“, schrieb Carayon.

Welches Land könnte nach Griechenland in den Fokus rücken?

Nach der Rettung Griechenlands fragen sich die Investoren, welche anderen Länder in den Fokus des Kapitalmarkts rücken könnten. Denn: Wegen Konjunkturprogrammen und Bankenrettungsaktionen sind die meisten europäischen Länder hoch verschuldet.

Die anhaltende Skepsis lässt sich anhand der Aufschläge bei Kreditderivaten (Credit Default Swaps, CDS) ablesen: Während sich der Aufschlag auf griechische CDS-Papiere am Montag von 418 auf 354 Punkte einengte, fiel der Markit Itraxx SovX Western Europe, der die CDS-Bewegungen von 15 europäischen Ländern wiedergibt, nur von 85 auf 80 Basispunkte.

Als ein Sorgenkind gilt Großbritannien. Das Haushaltsdefizit des Landes schwoll im vergangenen Jahr auf 11,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) an. Zum Vergleich: In Griechenland lag das Defizit laut der jüngsten Schätzung bei 12,9 Prozent des BIP.

Angst vor dem Hung Parliament

„Der nächste Kandidat, auf den wir achten müssen, ist Großbritannien“, sagte Alain Bokobza, Leiter Asset Allocation bei Société Générale. Ähnlich sehen das Pierre-Olivier Beffy und Amelie de Montchalin, Analysten bei BNP Paribas. „Großbritannien könnte der nächste Unruheherd für den Kapitalmarkt werden“, schrieben Beffy und Montchalin in einem Bericht. Die beiden Experten halten die Situation Londons für angespannter als die Spaniens und Portugals.

Verkompliziert wird die Lage durch die ungewisse politische Situation. Bei den anstehenden Wahlen könnte es zum ersten Mal seit 1974 zu einem „Hung Parliament“ kommen. Das würde bedeuten, dass weder Tories noch Labour eine absolute Mehrheit hinter sich bringen könnten. Sie wären also entweder auf eine Koalition oder auf eine Tolerierung durch die Liberal Democrats angewiesen. Die mögliche Folge: Sparanstrengungen fallen schwerer.

* 12.04.2010

© 2010 Financial Times Deutschland

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