Chronologie der Krise

Wie aus einer Immobilienblase eine Weltwirtschaftskrise wurde…

USA: Die statistische Scheinwelt…

Posted by hw71 - 2. April 2010


Gefunden bei ftd.de:

07.02.2010, 15:19

Das Kapital

Die statistische Scheinwelt

Die offiziellen US-Statistiken werden immer abstruser: Folgt man ihnen, müssten die Gewinne der Firmen vermutlich doppelt so hoch sein wie derzeit ausgewiesen. Doch machen wir das Spielchen mit und rechnen ebenfalls mal bis zur Nachkommastelle.

Wieso hat die nichtagrarische US-Privatwirtschaft seit Ende 2007 mehr als 8,5 Millionen oder 7,4 Prozent der Stellen gestrichen, wenn die Herstellung von Gütern und Dienstleistungen in dieser Zeit doch bloß um 3,4 Prozent gesunken ist?

Und wenn diese Angaben der US-Statistik richtig sind: Wieso sind die Gewinne der Firmen dann nicht durch die Decke geschossen? Laut Produktivitätsbericht hat sich das Verhältnis der Verkaufspreise zu den Lohnstückkosten im nichtagrarischen Unternehmenssektor seit Ende 2007 um weitere 3,5 Prozent verbessert. Dieser Margenindikator lag im vierten Quartal um 9,4 Prozent über dem Durchschnitt und damit auf dem bei Weitem höchsten Stand im Beobachtungszeitraum seit 1950.

Wieso ist der „operative“ Gewinn im S&P 500 dann immer noch um ein gutes Viertel niedriger als vor Ausbruch der Finanzkrise, wo doch selbst die Banken wieder ganz gut verdienen? Immerhin stehen die Personalkosten – am Ausweis der Kapitalgesellschaften gemessen – doch immerhin für gut drei Fünftel der Wertschöpfung der Firmen. Im Verhältnis zum Umsatz dürften Abschreibungen und Zinsaufwand in vielen Fällen zugenommen haben, doch gesamtwirtschaftlich handelt es sich dabei um Kleckerbeträge im Vergleich zu den Personalkosten.

Wieso sind die Dividenden im S&P 500 seit Ende 2007 um ein gutes Viertel gefallen, wenn die Firmen doch so rentabel sind wie nie zuvor? Mit dem US-Verbraucherpreisindex deflationiert, sind die Dividenden gerade mal 15 Prozent höher als vor 20 Jahren.

Wie kann das sein, wenn die Unternehmen nun doch 73 Prozent mehr produzieren als damals? Wenn sie diesen realen Zuwachs von 73 Prozent mit einer Ausweitung des Arbeitseinsatzes von gerade mal 7,4 Prozent geschafft haben? Und wenn die Lohnstückkosten in dieser Zeit gerade mal um 34,8 Prozent zugenommen haben, die Verkaufspreise aber um 46,6 Prozent?

Fragen über Fragen. Aber die entscheidende Frage ist noch nicht mal gestellt: Wie man diese Statistiken überhaupt noch ernst nehmen kann? Und wie man aus ihnen Schlüsse ziehen kann, um den Verlauf der Investitionstätigkeit, der Beschäftigung, des Einkommens, des BIP, der Gewinne oder des Aktienmarkts zu prognostizieren?

Der US-Arbeitsmarkt

Womit wir beim US-Beschäftigungsbericht für den Januar angelangt wären, der trotz des anhaltenden Personalabbaus erfreulicherweise eine Reihe von Indizien für eine Stabilisierung, ja für eine Erholung des Arbeitsmarkts enthält. Aber wollen wir uns die Zahl der Wochenstunden, der Überstunden, der Stellen im verarbeitenden Gewerbe, der Zeitarbeitsposten oder der Einstellungen im Einzelhandelssektor wirklich in der Nachkommastelle ansehen, nachdem das US-Arbeitsministerium soeben die Zahl der nichtagrarischen Arbeitsplätze für den Dezember 2009 von 130,91 auf 129,547 Millionen revidiert hat?

Wollen wir nicht, tun es aber trotzdem. Und stellen mit Bestürzung fest, dass die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit auf den neuen Höchststand von 30,2 Wochen gestiegen ist und dass der Anteil der Langzeitarbeitslosen (über 26 Wochen) an den Stellensuchenden auf den neuen Rekord von 41,2 Prozent zugenommen hat. Und fragen uns besorgt, wo diese Menschen bloß Beschäftigung finden sollen in einem nunmehr überschuldeten Land, in dem das Gros der Arbeitsplätze über viele Jahre hinweg in Branchen entstanden ist, die auf die eine oder andere Weise vom kreditfinanzierten Überkonsum der privaten Verbraucher profitiert haben. Zumal der US-Verbraucherkredit im Dezember zum elften Mal nacheinander gefallen ist – und die Geschäftsbanken ihr Kreditbuch weiter eindampfen, wie der wöchentliche Ausweis der Fed zeigt.

Und was ist das für eine Beschäftigungsstruktur geworden in dem Land, dessen Präsident den Export binnen fünf Jahren verdoppeln will, sich in Sachen Gesundheitsreform aber die Zähne ausbeißt? Während der Anteil der Stellen in der Industrie – Bergwerke, Bau und verarbeitendes Gewerbe – innerhalb von zehn Jahren von 18,8 auf 13,8 Prozent der Gesamtbeschäftigung gesunken ist, hat jener des Gesundheits- und Sozialwesens von 9,6 auf 12,6 Prozent zugenommen. Der Staat zählt nun deutlich mehr Stellen (17,3 Prozent) als der Groß- und Einzelhandel zusammen (15,4). Bevor die US-Beschäftigung nicht um gut 200.000 monatlich zunimmt, gibt es nichts zu bejubeln.

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