Chronologie der Krise

Wie aus einer Immobilienblase eine Weltwirtschaftskrise wurde…

Spanien: Die Krise ist da…

Posted by hw71 - 2. April 2010


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Spanien

Olé, die Krise ist da

Spanien ringt um seine Kreditwürdigkeit. Die Regierung verweist auf Spekulanten und aktuell gute Zahlen. Wie sie die absehbare Verschlechterung ihrer Lage meistern will, erklärt sie nicht

Bei den Buchmachern steht Spanien hoch im Kurs. Zwar findet die Europameisterschaft erst 2012 statt. Doch nach der Auslosung der Qualifikationsgruppe gelten die Fußballer von der Iberischen Halbinsel als heißeste Anwärter auf den Titel. Bei Investoren auf den Kapitalmärkten ist Spanien weniger gut gelitten: Sie wetten in diesen Tagen auf eine sinkende Kreditwürdigkeit südeuropäischer Länder und setzen damit den Euro unter Druck. Die Sorge um eine Zahlungsunfähigkeit Griechenlands konnten die Regierungschefs der EU nach ihrem Gipfel vorige Woche abmildern. Doch ein weiteres Risiko droht beim jahrelangen Wachstumsstar Spanien. »Spanien hat zwar, gemessen an seiner Größe, eine geringere Staatsverschuldung als Griechenland, aber es sind viel mehr Anleihen unterwegs«, sagt Ralph Solveen, bei der Commerzbank stellvertretender Leiter des Economic Research. Allein deutsche Geldinstitute haben laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich rund 176 Milliarden Euro bei spanischen Schuldnern ausstehen. Die Wirtschaft der Iberer ist mit einem Anteil von elf Prozent am EU-Bruttoinlandsprodukt viermal so bedeutend wie die Griechenlands.

Wann immer zuletzt Zweifel an Spaniens Bonität geäußert wurden, verabreichte das Wirtschaftsministerium in Madrid dieselbe Beruhigungspille: Mit einer Staatsverschuldung von 65,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts liege das Land in diesem Jahr fast 20 Punkte unter dem europäischen Durchschnitt. Die Zahl stimmt, ist aber nur ein Teil der Wahrheit. »Das Problem ist nicht der augenblickliche Schuldenstand, sondern der künftige Anstieg. Wenn man die Prognosen für die Staats- und Neuverschuldung in den nächsten zwei Jahren ansieht, haben wir das gleiche Problem wie Griechenland«, sagt Fernando Fernández, Ökonom an der Madrider IE Business School. Laut Commerzbank wird Spaniens Staatsschuldenquote Ende 2011 etwa 80 Prozent betragen – 40 Prozentpunkte mehr als vor der Krise. Allein um diesen Stand zu halten, seien jährliche Mehreinnahmen oder Ausgabenkürzungen von mehr als sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts nötig.

Das ist nicht das einzige Problem. »Die größere Gefahr ist mittelfristig die geringe Wettbewerbsfähigkeit der spanischen Wirtschaft«, warnt Solveen. Da Löhne und Gehälter bei einer hohen Inflationsrate automatisch angeglichen werden und die Produktivität weit unter dem Durchschnitt des Euro-Raums liegt, sind die Lohnstückkosten kräftig gestiegen. Das kostet die Spanier seit Jahren Marktanteile in den Exportmärkten. Vor der Währungsunion hätte eine Regierung versucht, solche Nachteile mit einer Abwertung der Peseta auszugleichen. Heute geht das nicht mehr. »Spaniens Wirtschaft braucht dringend eine Neuausrichtung«, fordert Kornelius Purps, Anleihenstratege bei der italienischen Bank UniCredit. »Irgendwie muss das Land Stärke entwickeln. Aber das wird dauern.«

Spaniens jahrelange Stärke ist inzwischen seine größte Schwäche. Zwischen 1996 und 2007 stützte sich das Wachstum vor allem auf die Bauwirtschaft. Dreimal hintereinander konnte der damalige Wirtschaftsminister Pedro Solbes sogar Haushaltsüberschüsse präsentieren. Heute bestreitet nicht einmal mehr die Regierung, dass die jährlich errichteten 800.000 Wohnungen häufig nur der Spekulation dienten. Die Nachfrage reichte höchstens für die Hälfte, doch ein ganzes Land glaubte an dauerhaft steigende Immobilienpreise und hohe Gewinne. Nach dem Platzen der Blase sind nun Zigtausende Privathaushalte und Firmen verschuldet. Von rund zwei Millionen Arbeitsplätzen, die seit Ende 2007 vernichtet wurden, gehörten 900.000 zum Bausektor.

Der Rausch trug so schöne Namen wie Valdeluz – Tal des Lichts. Eine Siedlung, 2006 errichtet für 34000 Bewohner im Nirgendwo der kastilischen Hochebene, gut 70 Kilometer nördlich von Madrid. In den einförmigen erdfarbenen Quadern leben heute gerade einmal 800 Menschen, die Straßen sind wie ausgestorben. Es ist eine Geisterstadt – eine von vielen in Spanien.

400.000 Euro bezahlten Patricia García und Manuel Ayuso im Boom für ihre Dreizimmerwohnung in Valdeluz. In den leer stehenden Nachbarhäusern werden ähnliche Appartements nun für 90.000 Euro angeboten. Das junge Paar fühlt sich betrogen. »Wir haben hier nichts von dem, was uns versprochen wurde. Keine Schulen, keine Geschäfte, keine Kneipen, keine Arztpraxen, keine Apotheke, keine Polizei, einfach nichts.« Der Hochgeschwindigkeitszug, der sie in 20 Minuten nach Madrid bringen sollte und für den ein moderner Bahnhof auf freiem Feld errichtet wurde, rauscht meist vorbei. Zu wenige Fahrgäste, sagt die Staatsbahn.

Banken und Sparkassen, die jahrelang nahezu unbesehen Immobilienkredite vergaben und obendrein zinslose Konsumentendarlehen unter die Leute brachten, sitzen heute auf Tausenden von unbezahlten Häusern. Nur den strengen Vorgaben der spanischen Zentralbank, die unabhängig vom Ausfallrisiko für jedes Darlehen hohe Rückstellungen fordert, ist es zu verdanken, dass die Institute die sprunghaft steigende Zahl fauler Kredite noch verkraften. Nach Überzeugung von Analysten verschleiern die Banken und Sparkassen aber das tatsächliche Risiko in ihren Bilanzen. Spätestens Ende des Jahres, wenn die EZB womöglich die Zinsen anhebt und damit die meist zu variablen Sätzen abgeschlossenen spanischen Immobiliendarlehen verteuert, dürften schmerzhafte Berichtigungen anstehen.

Viele Deutsche haben eine Finca an der Costa Blanca – deren Wert ist gefallen

Enzio Gehrig erinnert sich noch an Bauprospekte, die 15 Prozent Preissteigerung pro Jahr versprachen. Der aus Heidelberg stammende Immobilienmakler arbeitet seit 18 Jahren in Denia an der Costa Blanca, wo sich auch viele Deutsche eine Finca in den Hügeln gekauft haben. Wollten sie heute verkaufen, lägen die Preise 30 Prozent unter denen von 2006, sagt er. Kleine Gewinne könnten sie aber machen. Viele Spanier und Engländer hingegen erwarben in spekulativer Absicht schnell hochgezogene Objekte in siebter, achter oder neunter Strandreihe. »Die sind ruiniert und viele Baufirmen und Subunternehmen dazu.«

Bei allen schlechten Nachrichten: Spanien ist verstimmt über die Krisenszenarien. Die Regierung wittert eine Verschwörung von Medien und Spekulanten, sie fand es »kriminell«, dass ihr Chef José Luis Rodríguez Zapatero beim Weltwirtschaftsforum in Davos neben seinem griechischen Kollegen Platz nehmen musste. Vorige Woche reisten Wirtschaftsministerin Elena Salgado und ihr Finanzstaatssekretär in das Auge des Sturms – nach London. Salgado ging zur Financial Times, während der Staatssekretär Analysten Rede und Antwort stand. Die City gab sich danach gnädig. »Sie haben ein paar gute Argumente angebracht und Sorgen ausgeräumt«, sagt Paul Rawkins bei Fitch, einer der Rating-Agenturen, von deren Urteil das Schicksal Spaniens maßgeblich abhängt. Die Furcht vor einer erneuten Herabstufung der Bonität will Rawkins Spanien aber nicht nehmen: »Das Rating der spanischen Staatsanleihen bleibt unter Beobachtung. Wir werden Mitglieder der Regierung in den nächsten Wochen treffen, um die Pläne für die Konsolidierung des Haushalts im Detail zu besprechen.« Zittern müssen damit auch Banken mit spanischen Staatsanleihen im Portfolio. »Sie unterliegen dem Bewertungsrisiko, und das schlägt sich in den Bilanzen nieder«, sagt Analyst Purps.

Besonders geachtet wird auf Spaniens 50 Milliarden Euro großes Sparprogramm, mit dem es die Neuverschuldung bis 2013 wieder unter das Drei-Prozent-Limit drücken will. Dieses Jahr sollen es 9,8 Prozent sein – nachdem Salgado im Oktober noch mit 5,4 Prozent gerechnet hatte. An Sozialausgaben werde er nicht sparen, so Zapatero. Er sorgt sich weniger um Bonitätsnoten als um seine Macht. Würde heute gewählt, gewänne die konservative Oppositionspartei Partido Popular (PP) haushoch. Nur der Gedanke, die Sozialisten sollten den Karren aus dem Dreck ziehen, hält die PP noch davon ab, ein Misstrauensvotum zu beantragen.

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