Chronologie der Krise

Wie aus einer Immobilienblase eine Weltwirtschaftskrise wurde…

„An der langfristigen Schieflage des Finanzsystems ändert sich nichts“

Posted by hw71 - 14. Februar 2010


Ein interessantes Interview – u.a. zur Frage, ob Bailouts von „Problemstaaten“ langfristig überhaupt etwas bringen. Gefunden bei faz.net:

Im Gespräch: Kreditanalyst Felsenheimer

„Es wird scheppern“

11. Februar 2010 Billiges Geld ist die Ursache der Subprime-Krise wie der desolaten Lage in Griechenland. Hilfen für Griechenland können vielleicht kurzfristig wirken, sagt Jochen Felsenheimer, einer der angesehensten deutschen Kreditanalysten.

Aber an der langfristigen Schieflage des Finanzsystems ändern sie nichts, erklärt der Kreditanalyst bei der Fondsgesellschaft Assenagon.

Herr Felsenheimer, sind Griechenlands Probleme eine Folge der Finanzkrise, oder beruhen sie auf den griechischen Haushaltsproblemen?

Die meisten Politiker behaupten, dass die Krise in Griechenland überhaupt nichts mit der Finanzkrise zu tun hat. Denn griechische Banken seien von Abschreibungen weitgehend verschont geblieben. Ich sage aber: Es ist das billige Geld, das diese Probleme verursacht hat. Letztlich ist es derselbe Grund, warum es in Griechenland Probleme gibt und es auch am amerikanischen Häusermarkt zur Krise gekommen ist. Egal ob Sie Häuser kaufen oder Infrastrukturprojekte in Griechenland finanzieren: Auch wenn es billiges Geld ist, Sie müssen es irgendwann auch zurückzahlen. Das Problem ist nun, dass dieses Geld keiner produktiven Verwendung zugeführt wurde.

Wird die griechische Krise nun zur Bankenkrise?

Im Fall der Zahlungsunfähigkeit von Griechenland wären die Banken in dem Land in großen Schwierigkeiten. Es hätte aber auch signifikante Auswirkungen auf das europäische Bankensystem. Deutsche Banken, auch die Landesbanken und Versicherungen, sind alle groß in Griechenland investiert.

Lautet die Alternative: Wir retten heute Griechenland oder morgen die Banken?

Wir müssen uns fragen, was teurer wird: jetzt Griechenland zu retten oder in zwei Monaten das gesamte europäische Bankensystem. Ich würde sagen, es ist günstiger, jetzt Griechenland zu retten. Deshalb wird nun gerade diese Rettung ja auch so intensiv diskutiert.

Über Kreditderivate gibt es angeblich Spekulationen gegen Griechenland. Stimmt das?

Es ist nicht so wichtig, wenn Griechenland die Staatsanleihen für eine Weile nicht bedienen würde. Schlimm aber ist, dass es in einem solchen Fall sofort Probleme im Markt für Credit Default Swaps (CDS) gibt, also im Geschäft mit Kreditausfallversicherungen. Das würde auch die Banken belasten. Die klassischen spekulativen Angriffe gegen Währungen wie zum Beispiel gegen das britische Pfund oder gegen die thailändische Währung im Jahr 1997 sind völlig anders gelagert.

Inwiefern?

Sie haben immer eine Zentralbank, die auf Währungsreserven sitzt, also Fremdwährungen hat. Als Spekulant verkaufen Sie die inländische Währung, und nur die Zentralbank des Landes steht dagegen. Sie muss immer Fremdwährungsreserven einsetzen, um die eigene Währung zurückzukaufen. Wenn Sie als Spekulant länger feuern können, als die Notenbank zurückschießen kann, dann gewinnt der Spekulant und die Zentralbank muss die Währung irgendwann abwerten.

Bei den Kreditderivaten ist das anders.

Das stimmt. Wer eine Ausfallversicherung abschließt, dann ist das ein Swapgeschäft: Also am Markt verkauft jemand ein griechisches Kreditrisiko, und es gibt einen Käufer dafür auf der anderen Seite. Im Fall von Griechenland ist nicht das Land involviert, auch nicht seine Zentralbank. Es gibt bei den CDS-Geschäften also nur zwei Marktteilnehmer, es ist sozusagen ein Nullsummenspiel. Der eine gewinnt, der andere verliert.

Wer kauft denn?

Involviert mit den griechischen Staatsanleihen und dem CDS-Geschäft sind Banken aus Ländern wie Frankreich, aber auch Deutschland und Italien, die laut Daten des Internationalen Währungsfonds mit mehr als 100 Milliarden Dollar investiert sind.

Wenn es nun eine Rettung Griechenlands gibt: Wie werden die Folgen aussehen?

Das alles erinnert mich an den März 2008, als die amerikanische Bank Bear Stearns gerettet wurde – nur um kurze Zeit später dann Lehman fallenzulassen. Sie schaffen doch nur Präzedenzfälle mit einer fatalen Signalwirkung. Wenn man nun Griechenland rettet, dann führt das zu einer Destabilisierung der Währungsunion. Die Motivation, einschneidende Maßnahmen gegen die hohe Staatsverschuldung zum Beispiel in Portugal oder Spanien zu machen, sinkt dann rapide.

Erwarten Sie kurzfristig eine Entspannung an den Märkten?

Solche Rettungsideen entspannen immer die Märkte. Aber die grundlegende Problematik, dass das Finanzsystem seit der Lehman-Pleite schiefliegt, die ist nicht behoben. Es ist nur noch schiefer geworden, sozusagen. Der Lösungsweg, der eingeschlagen wurde, war der über eine immense Bereitstellung von Liquidität. Genau diese Liquidität heizt nun wieder die Vermögensmärkte an, und die Entstehung weiterer Blasen wird wahrscheinlicher. Die Rettung eines mit zu viel Liquidität versorgten Bankensystems führt nun zu einem extremen Anstieg der Staatsverschuldung. Der Impulserhaltungssatz der Liquidität gilt also! Sie verlagern Probleme nur, Sie lösen diese aber nicht. Politiker sagen immer, dass es keine andere Möglichkeit als einen Bailout gibt. Denn das System sei bedroht, und bestimmte Akteure seien zu groß, um zu fallen. Aber diese Denke führt nur dazu, dass Akteure an den Finanzmärkten weiterhin zu große Risiken eingehen.

Wie geht es weiter?

Es wird scheppern. Es ist nur die Frage, wann. Das Risiko einer nächsten Krise ist immens. Auch wenn es eine Rettung, also einen Bailout, geben wird für Griechenland. Es wird sehr volatil bleiben und weitere Rückschläge geben. Nicht nur im Markt für Unternehmensanleihen, sondern auch an den Aktienmärkten. Das kann reinigenden Charakter haben. Natürlich ist das mit Kosten verbunden, aber diese müssen gegen diejenigen eines Bailout gegengerechnet werden. Aber das Griechenland-Problem wird doch mit denselben Mitteln bekämpft, mit dem die Politiker auch versucht haben, die Finanzkrise zu lösen: Es ist aber dasselbe Mittel, mit dem die Finanzkrise überhaupt erst ausgelöst wurde: mit zu viel Liquidität.

Das Gespräch führten Gerald Braunberger, Tim Höfinghoff und Stefan Ruhkamp.

Text: F.A.Z.

Bildmaterial: REUTERS

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