Chronologie der Krise

Wie aus einer Immobilienblase eine Weltwirtschaftskrise wurde…

Deutschland: Qualifizierungsmaßnahmen – schlecht beraten und abgeschoben

Posted by hw71 - 23. Januar 2010


Ich hatte ja schon einige Beiträge über die „gefakte“ Arbeitslosenstatistik hier eingestellt – z.B. „Deutschland: Die verlogenste amtliche deutsche Statistik“ oder „Deutschland: Zahl der Arbeitslosen – Eine Lüge namens Statistik…„. Der nachfolgende Beitrag aus der letzten Sendung des ARD Polit-Magazins „Report“ vom 18.01.2010 zeigt, wie problematisch das Verschieben von Arbeitslosen in solche Qualifizierungsmaßnahmen manchmal ist. Das Wichtigste scheint dabei eher zu sein, dass Teilnehmer von Qualifizierungsmaßnahmen nicht in der offiziellen Arbeitslosenstatistik auftauchen, aber sie dürfen dort auch nicht viel Geld kosten!

Ich habe nachfolgend das Transkript des Beitrags eingestellt, da man das ganze so nochmal schwarz-auf-weiß vor sich hat – es gibt auf der verlinkten Seite aber auch ein Video des Beitrags…

Gefunden bei br-online.de:

Schlecht beraten und abgeschoben Die sinnlosen Qualifizierungsmaßnahmen für Arbeitslose

Hunderttausende Arbeitslose sind in teuer bezahlten Förderungen vom Bewerbungstraining bis zur Weiterbildung. Doch diese Kurse sind oft Zeitverschwendung. Andere Arbeitslose wiederum kämpfen – vergeblich – für eine für sie passende Qualifizierung. report MÜNCHEN über die Willkür der Ämter und die Wut der Betroffenen.

Von Marie von Malinckrodt und Pia Dangelmayer

Stand: 18.01.2010

Waltraud Maußner gehört zu den rund 3.000 Quelle-Mitarbeitern, die ihren Job verloren haben. Jetzt besucht sie eine Fördermaßnahme der Arbeitsagentur. Dreimal in der Woche um halb neun. Eigentlich hatte sie sich auf den Kurs gefreut, wollte etwas dazu lernen. Mehr als eine Million Arbeitslose besuchen jährlich Qualifizierungsmaßnahmen der Arbeitsagentur. Frau Maußners Training: Stellensuche im Internet – vier Monate lang. Angekündigt wurde es als etwas anderes. Zur Erinnerung liest Frau Maußner noch einmal das Informationsblatt.

Waltraud Maußner: „Ich sollte informiert und gebildet und beraten werden. Und das ist also nur sehr ansatzweise geschehen, für meinen Geschmack.“

Zum Beispiel gab es für die ehemalige Disponentin bei Quelle eine Lektion zur Beschriftung eines Briefumschlags. Für die 45-jährige sinnlos.

Waltraud Maußner: „So ab und an hat man schon einmal einen Briefumschlag beschriftet in seinem Leben.“

Peter Hohenstein ist gelernter Bäcker und arbeitslos. Er möchte sich weiterbilden lassen, im Bereich Großhandelseinkauf. Doch er muss über die Arbeitsagentur einen Gabelstaplerschein machen. Warum, weiß er auch nicht so genau.

Peter Hohenstein: „Ich werde jeden Tag gefragt von diesen Dozenten ob ich den Job gerne machen möchte, ob ich freiwillig hier bin und ich muss sagen: Nein. Die meisten Leute werden – egal mit was für Lebensläufen die kommen – einfach in diese Maßnahme gesteckt.“

Für ihn ist der Kurs reine Zeitverschwendung. Zudem würde dieser Führerschein ihn offenbar ohnehin nicht wieder auf den Arbeitsmarkt bringen.

Peter Hohenstein: „Ja, also gedacht hat ja jeder man kann mit diesem Gerät alles fahren, und es hat sich dann in den Übungen und den Besprechungsräumen rausgestellt, dass das halt die kleinste Stufe des Elektrostapler ist der auch heute nicht mehr so gefragt ist.“

Allein im Raum Nürnberg zahlte die Arbeitsagentur 2009 knapp 20 Millionen Euro für Fördermaßnahmen. Die heißen: Eignungsfeststellung, Trainingsmaßnahme oder auch Weiterbildung. Bundesweit setzen die Arbeitsagenturen immer mehr auf Förderungen, die kurz dauern. Das weiß der Arbeitsmarktforscher Stefan Sell. Er beschäftigt sich seit Jahren mit der Politik der Bundesagentur für Arbeit. Für ihn ist es kein Wunder, dass die Anzahl der kurzen Fördermaßnahmen wie etwa die von Peter Hohenstein so explodiert ist.

Stefan Sell: „Erstens tauchen die Leute, so lange die in diesen Maßnahmen sind, nicht mehr als registrierte Arbeitslose auf, das ist natürlich schön für die Statistik, zum zweiten aber werden diese Maßnahmen auch dazu benutzt, um Arbeitslose unter Druck zu setzen.“

Waltraud Maußner und Peter Hohenstein: Opfer der Statistik. Angeschmiert und Abgeschoben. Und diese Taktik ist teuer. Deshalb wurde der Bundesrechnungshof aufmerksam. In einer bislang unveröffentlichten Mitteilung, die report MÜNCHEN exklusiv vorliegt, kritisiert die Behörde die Maßnahmen der Bundesarbeitsagentur. Zitat aus der Mitteilung: „Die Bundesagentur kann keine verlässlichen Angaben über die Qualität der von ihr beschafften Vergabemaßnahmen insgesamt machen, da die Agenturen Zahl und Art der Maßnahmemängel nicht dokumentieren.“ Auf Nachfrage von report MÜNCHEN erklärt die Bundesagentur, dass es Änderungen gab, welche konkret sagt sie aber nicht. Zudem räumt die Behörde ein, sie sei nicht in jedem Fall mit der Qualität der Weiterbildungsmaßnahmen zufrieden.

Monika Ellinghausen lebt in Bremen und ist seit sechs Monaten ohne Job. Von ihren Vermittlern wurde sie nicht über Weiterbildungsmöglichkeiten informiert. Jetzt hat die 31-Jährige durch eine Zeitungsannonce selbst eine gefunden. Doch ob die für sie geeignet ist, konnte ihr leider auch niemand sagen. Bei der Infoveranstaltung wird schnell klar, dass sie es nicht ist. Sie konfrontiert die Veranstalter mit ihrer Situation.

Monika Ellinghausen: „Ich hatte nachgefragt und gesagt, dass ich mich für diese Maßnahme eben interessiere und weil eben diese Zuweisung drin stand durch den Sachbearbeiter hatte ich eben halt nachgefragt, wie das ist, ob ich mich da überhaupt zuweisen lassen kann, und hab daraufhin eben wirklich nur die Information gekriegt, dass ich in der Pflicht stehe, mich selber um Weiterbildungsmaßnahmen zu kümmern.“

Joachim Pfaff: „Sie müssen bedenken, es gibt eine solche Fülle, eine solche Bandbreite an Maßnahmen, dass ich auch nicht unbedingt immer erwarten kann, dass jeder Vermittler diese hunderte von Maßnahmen präsent hat.“

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Monika Ellinghausen im Stich gelassen fühlt. Vor zwei Jahren wollte die Speditionskauffrau ein Sprachdiplom machen, um ihre Jobchancen zu steigern. Doch der Kurs wurde ihr verweigert, sagt sie. Begründung: Sie wäre dann überqualifiziert. Jetzt findet sie immer mehr Anzeigen, die genau das verlangen.

Irmgard Ernst erlebt täglich ähnliche Fälle. Sie berät seit Jahren Arbeitslose in München, vor allem Hartz-IV Empfänger. Mit vielen von ihnen kämpft sie für passende Qualifizierungsmaßnahmen – oft geht sie gegen die Vermittler bis vor das Sozialgericht.

Irmgard Ernst: „Für die Betroffenen selbst erscheint jetzt die ARGE, die eigentlich ja der kooperative Partner sein sollte, erscheint die ARGE mehr und mehr als Gegner, derjenige, gegen den ich kämpfen muss.“

Stefan Sell: „Was man wissen muss: In den Arbeitsgemeinschaften, in den Jobcentern da gibt es einen regelrechten zahlengetriebenen Druck von oben, die bekommen klare Vorgaben, was sie einsparen müssen, an Transferleistungen, wie viel sie maximal ausgeben dürfen, und sie müssen diese Zahlen erreichen, und das bedeutet ganz häufig: Einsparungen beim Arbeitslosengeld kann man nur erreichen, wenn man z.B. Möglichkeiten findet, die Leute zu sanktionieren, ihnen also die Leistungen zu entziehen, oder sie in nur möglichst billige Maßnahmen eben hineinbringt.“

Die Billigmaßnahme von Frau Maußner – im Endeffekt eine Geldverschwendung. Den ganzen Tag surft sie im Internet. Um 15 Uhr darf sie nach Hause gehen.

Waltraud Maußner: „Man muss es hier halt ein bisschen mit Humor angehen, weil wenn ich mich da hineinsteigere, dann werde ich depressiv.“

Bis auf Weiteres wird sich an der Förderpolitik der Bundesagentur für Arbeit nichts ändern. Frau Maußner hat es für heute zumindest geschafft. Zuhause kann sie dasselbe machen wie in ihrer Fördermaßnahme – surfen im Internet.

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