Chronologie der Krise

Wie aus einer Immobilienblase eine Weltwirtschaftskrise wurde…

Japan: Ein Lehrstück in Sachen Deflation…

Posted by hw71 - 20. Dezember 2009


Gefunden bei bernerzeitung.ch:

Ein Land im Schnäppchenrausch

Von Christoph Neidhart. Aktualisiert am 09.12.2009

In Japan fallen die Preise – die Konsumenten freuts nur bedingt. Ein Lehrstück in Sachen Deflation.

In Japan tobt ein Jeans-Krieg. Im September bot die Kaufhauskette Seiyu die blaue Hose noch für 1470 Yen an, umgerechnet 17 Franken. Ein unschlagbarer Preis, wie es schien. Dann brachte Uniqlo, Japans Antwort auf Benetton, Blue-Jeans für 990 Yen (11.50 Franken) in die Läden. Möglich wurde dies, weil Uniqlo die Herstellung von China nach Kambodscha verschob. Die Aeon-Kette zog mit Jeans für 880 Yen nach. Diesen Preis unterbot Seiyu mit 850 Yen. Inzwischen bekommt man beim Discounter Don-Quijote-Jeans für gerade mal 690 Yen (knapp 8 Franken).

Verdient wird an diesen Sonderangeboten nichts, sie sollen lediglich Kunden in die Läden locken. Für Schuhe und Kleider geben die Japaner dieses Jahr im Schnitt 10 Prozent weniger Geld aus als im Jahr 2008.

Preiszerfall in allen Branchen

Japan steckt in einer Deflation: Im Oktober lag das allgemeine Preisniveau gegenüber dem Vorjahresmonat 2,2 Prozent tiefer. Manche Ökonomen glauben gar, dieser Wert werde dem realen Preiszerfall nicht gerecht, weil die Statistik nur Markenartikel berücksichtigt. Die Deflation sei markanter. Regierung und Zentralbank fürchten, das Land könne in eine Spirale geraten, wie sie die Jeans-Branche seit diesem Herbst bereits durchmacht. Schon während der Rezession der Neunzigerjahre und Mitte dieses Jahrzehnts fielen die japanischen Einzelhandelspreise, nachdem sie während des Immobilien-Booms ins Absurde geklettert waren. 1990 zahlte man für eine geschenkverpackte Melone in Tokio ohne weiteres 100 Franken.

Preiskriege wie im Jeans-Geschäft sind die Ausnahme. Im Alltag macht sich die Deflation weniger deutlich bemerkbar, zumal Preisstürze als Sonderangebote daherkommen – manche auf Dauer, um Kunden zu ködern. Wo die Preise noch stabil bleiben, verschiebt sich dafür das Angebot dramatisch.

Im Supermarkt lauern die Kunden bei den Kühltruhen

Aus der Einkaufsstrasse von Kyodo, eines mittelständischen Wohnviertels in Tokio, sind die meisten Fachgeschäfte verschwunden. Futonladen, Farben- und Werkzeughändler und der sympathische kleine Sushi-Imbiss sind nicht mehr. Ihre Lokale haben Fastfood- und Drogerieketten übernommen. Sogar der Supermarkt beim Bahnhof musste seine Verkaufsfläche verkleinern, er vermietet die Front zur Strasse nun an eine Café-Kette. Im Supermarkt selber lauern abends gegen acht Uhr stets einige Kunden bei den Kühltruhen für Sushi und Sashimi, bis ein Angestellter auftaucht und Halbpreis-Kleber auf die Sushi-Boxen pinnt. Der rohe Fisch darf am nächsten Tag nicht mehr verkauft werden.

Von drei Supermärkten der Umgebung hat fast immer einer Fruchtsäfte im Sonderangebot. So muss, wer darauf achtet, nie mehr den vollen Preis zahlen. Im Obergeschoss des Supermarkts befindet sich ein 100-Yen-Laden, er hat die Verkaufsfläche kürzlich vergrössert. Dort gibt es alles für 100 Yen, plus 5 Yen Umsatzsteuer. Der Laden ist immer voll. Im Vorort Machida betreibt Daiso, das grösste 100-Yen-Läden-Unternehmen der Welt, ein sechsstöckiges Kaufhaus. Im ganzen Land gibt es bereits 2500 Filialen.

Der Preiszerfall ist auch auf der Ginza sichtbar, der teuersten Einkaufsmeile der Welt – oder vielleicht nur noch Japans. Immer mehr Luxusmarken weichen billigeren Ketten wie Uniqlo, H&M, Gap und Zara. Uniqlo steigert seine Profite, die Kette ist der eigentliche Krisengewinner in Japan. Die luxusverliebten Japaner waren, allen Klischees zum Trotz, stets eine Minderheit. Diese wird stetig kleiner – nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen, auch wegen der Demografie.

Deflation ist, wenn alle sparen

Die Japaner haben allerdings wenig Grund, sich über die fallenden Preise zu freuen. Die Deflation wirkt sich auch auf ihre Boni aus, in Japan ein wichtiger Lohnbestandteil. Damit verringert sich ihre Kaufkraft. Und vor allem die Kauflust. Was die Preise zusätzlich drückt.

Die Ökonomie definiert Deflation als einen deutlichen und anhaltenden Rückgang des Preisniveaus für Waren und Dienstleistungen. In Japan könnte man auch sagen, Deflation ist, wenn alle sparen. Immer mehr Leute schieben den Kauf neuer Jeans, neuer Schuhe und erst recht eines neuen Autos etwas auf. Angesichts der Qualität japanischer Industriegüter ist das auch kein Problem, im Gegenteil: Bisher haben die Japaner ihre Geräte eher zu früh ersetzt.

Einige Elektronik-Ketten haben sich diese Haltung zu eigen gemacht: Sie frischen gebrauchte Sub-Notebooks, also DIN-A4-grosse Laptops, auf und verkaufen sie zusammen mit einem Abo für einen 3G-Internetanschluss spottbillig. Was wiederum auf die Neupreise für Laptops drückt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.12.2009, 04:00 Uhr

Advertisements

Sorry, the comment form is closed at this time.

 
%d Bloggern gefällt das: