Chronologie der Krise

Wie aus einer Immobilienblase eine Weltwirtschaftskrise wurde…

England: Bank of England weitet Staatsanleihenkäufe aus…

Posted by hw71 - 25. August 2009


Zwar von Anfang August, aber trotzdem „just for the record“…

Gefunden bei ftd.de:

Notenpresse

Bank of England kauft weiter wie verrückt

von Tobias Bayer und Doris Grass (Frankfurt)

Die britische Notenbank erwarb bereits für 125 Mrd. Pfund Staatsanleihen. Auf ihrer Sitzung am Donnerstag kündigte sie wider Erwarten an, das Programm um 50 Mrd. Pfund auszuweiten. An den Märkten sorgte das für Turbulenzen.

Die Bank of England (BoE) hat eine Ausweitung ihrer Staatsanleihenkäufe um 50 Mrd. auf insgesamt 175 Mrd. Pfund angekündigt. Sie sollen in den kommenden drei Monaten durchgeführt werden. Dazu sollen auch die Laufzeiten der Anleihen ausgeweitet werden. Die Erlaubnis dazu hat die BoE bereits beim Finanzministerium eingeholt.

Schatzkanzler Alistair Darling genehmigte die Aufstockung in einem Brief an BoE-Gouverneur Mervyn King mit den Worten: „Ich stimme Ihnen zu, dass ein Aufstocken die Bank of England mit der Möglichkeit versieht, Preisstabilität zu gewährleisten.“ Volkswirte und Primärhändler hatten dagegen damit gerechnet, dass die Notenbank aufgrund steigenden Teuerungsdrucks das Programm erst einmal aussetzen und später ganz auf Eis legen werde. Den Leitzins beließ die BoE unverändert bei 0,5 Prozent.

Pfund verliert, Anleiherenditen sinken stark

Die BoE begründete die Entscheidung mit dem düsteren Ausblick für die britische Wirtschaft: „In Großbritannien scheint die Rezession tiefer zu sein als ursprünglich gedacht“, hieß es in der Mitteilung zum Zinsentscheid. „Obwohl das Geldmengenwachstum seit Ende des vergangenen Jahres angezogen hat, bleibt es schwach. Und trotz erster Signale, dass die Kreditbedingungen sich zu lockern beginnen, ging die Darlehensvergabe der Banken an Unternehmen zurück, die Zinsaufschläge sind weiterhin erhöht.“

An den Märkten sorgte die BoE für heftige Bewegungen: Das Pfund brach zum Euro und Dollar deutlich ein. Es notierte bei 1,1708 Euro gegenüber 1,1794 Euro am Vortag und bei 1,6850 $ gegenüber 1,6989 $ am Vortag. Die Rendite zehnjähriger britischer Staatsanleihen fiel ebenfalls. Sie fiel von 3,862 auf 3,655 Prozent. Rendite und Kurse bewegen sich bei Staatsanleihen gegenläufig.

„Diese Entscheidung ist eine gute Entscheidung“, sagte Hans-Günter Redeker, Chef-Devisenstratege bei BNP Paribas in London. Er geht davon aus, dass es Einiges braucht, um die britische Wirtschaft wieder ins Laufen zu bringen. So würden gegenwärtig 48 Prozent der Volkswirtschaft Großbritanniens über den Staatshaushalt bestritten.

Da aber Ratingagenturen wie S&P massiv vor der hohen Staatsverschuldung gewarnt hätten, müsse London 2010 mit der Haushaltskonsolidierung beginnen, wenn es sein Top-Rating von „AAA“ nicht verlieren wolle. Da die hoch verschuldeten britischen Verbraucher als Konjunkturmotor ebenfalls ausfielen, müsse dafür der Export der Unternehmen einspringen. „Und dazu braucht man ein deutlich schwächeres Pfund“ , sagte Redeker.

Pionier unter den Notenbanken

Die BoE war die erste Notenbank, die während der Kreditkrise Staatsanleihen zu kaufen begann. Bisher erwarb sie für 125 Mrd. Pfund britische Gilts. Sie sicherte sich vom Schatzamt das Recht zu, das Programm um 25 Mrd. auf 150 Mrd. Pfund aufzustocken. Im Juli hielt sie aber an dem bisherigen Volumen fest.

Volkswirte hatten damit gerechnet, dass sie im August die Pause fortsetzt und verwiesen auf die Inflation. „Die BoE wird vermutlich eine Inflation von etwas unter zwei Prozent auf Sicht von ein bis zwei Jahren projizieren. Auf Basis einer solchen Projektion dürfte es der BoE schwer fallen, eine deutliche Ausweitung der Kaufprogramme zu begründen“, hatte Helaba-Volkswirt Chritian Apelt vor der BoE-Entscheidung geschrieben.

Der Inflationsbericht wird am 12. August veröffentlicht, lag den BoE-Gouverneuren aber bei der Zinsentscheidung schon vor. Im Juni lag die Verbraucherinflation bei 1,8 Prozent und damit unter dem Ziel von 2 Prozent.

Käufe von Staatsanleihen sollen das Zinsniveau stabilisieren. Das ist wichtig, weil sich dadurch die Kreditaufnahme für Privathaushalte, Immobilienbesitzer und Unternehmen verbilligt. Gleichzeitig soll es die Banken, die Bonds in ihrem Portfolio halten, entlasten und ihnen Freiräume bei der Gewährung von Darlehen geben. Solch eine Politik des „Quantitative Easing“ betreiben neben der BoE noch die Bank of Japan und die amerikanische Federal Reserve. Die Europäische Zentralbank (EZB) kauft stattdessen für 60 Mrd. Euro besicherte Anleihen (Covered Bonds) – und bezeichnet das als „Credit Easing“.

Die Wirksamkeit des Quantitative Easing ist umstritten. Experten zweifeln daran, dass die BoE Erfolg hatte. Die Gilt-Rendite erhöhte sich von einem Tief von 3,0 Prozent wieder auf 3,8 Prozent vor der aktuellen Entscheidung. Ausländische Investoren tragen zu der Bewegung bei. Sie verkaufen Anleihen, im April warfen sie Papiere im Wert von 10,9 Mrd. Pfund auf den Markt. Das war der größte Verkauf seit 1982. Im Mai stießen sie weitere Bonds im Umfang von 960 Mio. Pfund ab.

Ein Grund für die Skepsis der internationalen Anleger ist der gewaltige Refinanzierungsbedarf Großbritanniens. Angesichts der Rettung von Finanzinstituten wie Northern Rock und Royal Bank of Scotland wird das Haushaltsdefizit nach Schätzungen von Schatzkanzler Alistair Darling im Ende März endenden Fiskaljahr auf 12,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) steigen. Das ist das größte Finanzloch der G20-Staaten.

Banken reichen Liquidität nicht weiter

Die Banken selbst reichen die Liquidität nicht weiter. Das spiegelt sich beispielsweise in der Geldmenge M4 wieder. Seit Ende Februar fiel sie um 0,4 Prozent. Das deutet daraufhin, dass das Geld nicht die Realwirtschaft erreicht. „Trotz der merklichen Erholung der Aktivitätsindikatoren bleibt das Wachstum des Geldangebots enttäuschend. Daran kann man erkennen, dass sich die Wertschriftenkäufe bislang kaum auf die monetären Gesamtgrößen ausgewirkt haben“, schrieb Credit-Suisse-Volkswirt Philip Rauber in einem Researchbericht.

Immerhin scheint sich die britische Wirtschaft zu erholen. Im Juni legte die Industrieproduktion um 0,4 Prozent zu. Die Hauspreise kletterten im Juli laut der Halifax-Tochter des Finanzkonzerns Lloyds um 1,1 Prozent gegenüber dem Vormonat. Auch das Konsumentenvertrauen steigt, laut dem Marktforscher TNS zuletzt um einen Prozentpunkt. „Die Daten weisen alle daraufhin, dass Großbritannien im dritten Quartal wieder wachsen wird“, sagte ING-Volkswirt James Knightley.

Warten auf den Inflationsbericht

Die Frage laute, wie nachhaltig der Aufwärtstrend sei, sagte Knightley: „Die Arbeitslosenquote steigt, während die Bedingungen für die Kreditvergabe verschärft bleiben. Wenn man dann noch die Verschuldung der Privathaushalte und die Angst vor steigenden Energiepreisen und Steuern hinzuaddiert, wird einem klar, dass die Wirtschaft schwach ist.“ Knightley prognostizierte deshalb, dass die BoE ihre Staatsanleihenkäufe ausweitet – und lag mit seiner Einschätzung richtig.

FTD.de, 06.08.2009
© 2009 Financial Times Deutschland

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