Chronologie der Krise

Wie aus einer Immobilienblase eine Weltwirtschaftskrise wurde…

USA: „Selbstversorgung“ liegt offensichtlich voll im Trend…

Posted by hw71 - 24. Juni 2009


Wobei – jeden Tag Hühnchen wär auch nicht so mein Ding… 😉

Gefunden bei ftd.de:

Urban Chicken

Warum Großstadt-Amerikaner Hühner züchten

von Kristina Allgöwer (Chicago)

Très chic ist in den USA das Dasein als Selbstversorger: Stadtmenschen in Chicago oder Manhattan züchten jetzt begeistert Hühner. Anhänger dieser „Urban Chicken“-Bewegung freuen sich über frische Eier und liebe Haustiere.

Laut geht es zu auf den Straßen Chicagos: Die Polizeisirenen heulen, die Hochbahn ächzt und scheppert, der Wind pfeift durch die Häuserschluchten. Und immer öfter sind Geräusche zu hören, mit denen in einer amerikanischen Metropole kaum jemand rechnet: Hahnenschreie und Hühnergackern.

Seit einiger Zeit erobert ein neuer urbaner Lebensstil die USA: Mitten in Betonwüsten wie New York und Chicago züchten Großstädter Hühner – in Hinterhöfen, Vorgärten oder auf Hausdächern.

Blogs wie Urbanchickens.net und Cityfarmer.info, aber auch Magazine wie „Backyard Poultry“ haben in den vergangenen Monaten Tausende neuer Leser gewonnen, von denen sich die meisten über frische Eier freuen wollen, über lustig gackernde Haustiere und ein bisschen Landluft im Metropolenmief.

„Dem Essen sehr verbunden“

So wie Linda Nellett. Die 41-Jährige arbeitet als Senior Manager bei einer Unternehmensberatung; in ihrem Hinterhof im Nordwesten Chicagos, nur wenige Blocks von einer stark befahrenen Expressway-Kreuzung entfernt, glucksen friedlich die Hennen Selma, Maisy, Betty und Speedy. „Wenn ich zum Eiersammeln in meinen Hinterhof gehe und meinen Hühnern altes Brot oder welken Salat gebe“, sagt Nellett, „dann fühle ich mich mit meinem Essen sehr verbunden.“ Den Hühnerdreck benutzt sie als Dünger für ihr Gemüsebeet.

Dass Nellett sich in einer Millionenstadt als Geflügelzüchterin versucht, ist gerade in den USA nicht selbstverständlich: Aus Furcht vor Tierseuchen und vor üblen Gerüchen duldet der Gesetzgeber vielerorts kein Stadtgeflügel. In Washington DC zum Beispiel gibt es ein generelles Hühnerverbot, in vielen anderen Städten ist die Gesetzeslage unklar.

Während die Bürger von New York, Los Angeles, New Orleans und Seattle mit wenigen Einschränkungen bereits Hühner halten dürfen, setzen sich in anderen Städten Verfechter bewusster Ernährung für die Legalisierung von Geflügel ein.

In Chicago ist die Sache mit den Stadthühnchen ironischerweise erst richtig populär geworden, als sie verboten werden sollte. Vor anderthalb Jahren setzte sich eine Stadträtin dafür ein, die Tiere aus der Stadt zu verbannen. Darauf schlossen sich die Verfechter urbaner Landwirtschaft und die lokalen Geflügelhalter zusammen und bewirkten nach einer langen Debatte im Stadtrat, dass Hühner sich weiter legal in Chicago aufhalten dürfen.

Die Berichterstattung über das drohende Hühnerverbot in den Medien hat auch das Interesse von Leuten geweckt, die zuvor nicht zu den Hinterhof-Hühnerhaltern zählten. Zwei „Basic Backyard Chicken Care“-Workshops in Chicago waren innerhalb weniger Tage ausgebucht. Projektleiterin Martha Boyd vom Angelic Organics Learning Center sagt, das Interesse sei in den letzten Wochen noch gestiegen.

Dass die Freude am Federvieh etwas mit der schwierigen Wirtschaftslage zu tun hat, glaubt Boyd aber nicht. Küken kann man zwar schon für wenig Geld bei Internethändlern wie Mypetchicken.com bestellen. Zählt man die Kosten für Grundausstattung, Futter, Streu und Tierarzt zusammen, wären allerdings Hennen mit rekordverdächtigen Legeintervallen vonnöten, damit sich die private Hühnerhaltung in der Stadt rechnet. „Auf diese Weise bekommt man die Eier nicht wirklich günstiger“, sagt Boyd. Unter den Kursteilnehmern seien nur wenige Geringverdiener.

Die Begeisterung für die Geflügelhaltung ist vermutlich ein Ausläufer der sogenannten Locavore-Bewegung, die in den USA besonders in der gehobenen Mittelschicht viele Anhänger gewonnen hat. Locavores wollen wissen, woher ihr Essen kommt, bauen so viel wie möglich selbst an und lehnen Massenproduktion ab. Mit ihrem Gemüsegarten am Weißen Haus liegt Präsidentengattin Michelle Obama also ganz im Selbstversorgertrend.

Nur, dass Urban-Chicken-Anhänger den Obamas gegenüber einen Vorteil haben: Während man Gemüse nur essen kann, sind Hühner Haustiere mit Seele. Es soll sogar Hühnerhalter geben, die ihr Geflügel mit in die Wohnung nehmen: Weil man die Tiere schlecht stubenrein kriegt, gibt es dafür spezielle Hühnerwindeln – erhältlich bei Chickendiapers.com. Ob sich die derart gewickelten Vögel wohlfühlen, darf jedoch bezweifelt werden.

Selma, Maisy, Betty und Speedy müssen ohnehin draußen bleiben. Linda Nellett kann sich nicht vorstellen, abends mit ihren Hennen auf der Couch zu sitzen – das bleibt ihrem Hund vorbehalten. Trotzdem schätzt sie die Hühner nicht nur als Eierproduzenten, sondern als amüsante Haustiere, die sie in ihrem Hinterhof gern beobachtet: „Hühner sind sehr neugierig und auf ihre Weise intelligent“, sagt sie.

Auch Nelletts Nachbarn freuen sich über die Hennen und kommen oft mit ihren Kindern und Enkelkindern an den Zaun, um die Tiere mit Rosinen zu füttern. Für Hühnerhalter in der Stadt ist die Nachbarschaftspflege besonders wichtig und deshalb sogar Bestandteil des Chicagoer „Chicken Care“-Workshops.

Als Nellett vor wenigen Wochen hörte, dass es Beschwerden über das Geschrei ihres Hahns Marshall gab, brachte sie das Tier zu einem Schlachter. Zum Eierlegen wird der Hahn ohnehin nicht gebraucht, sondern nur für die Zucht. „Der Hahn und ich“, sagt sie, „waren von Anfang an keine guten Freunde.“

Ich wollt, ich hätt ein Huhn

Auch in Deutschland gibt es gesetzliche Regelungen für die Hühnerhaltung in der Stadt. Ob der Spaß in Ihrer Gegend erlaubt ist, erfahren Sie beim Veterinäramt oder beim Lebensmittelüberwachungsamt Ihrer Gemeinde. Dort müssen Hobby-Geflügelhalter ihre Tiere schriftlich melden, außerdem ist eine Registrierung bei der Tierseuchenkasse notwendig.

FTD.de, 06.06.2009

© 2009 Financial Times Deutschland, © Illustration: Bloomberg

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