Chronologie der Krise

Wie aus einer Immobilienblase eine Weltwirtschaftskrise wurde…

Deutschland: Lehman-Geschädigte reicht Verfassungsbeschwerde ein

Posted by hw71 - 17. April 2009


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Lehman-Anleger

Hannelore Sporberg gegen Deutschland

17.04.2009, 15:22

Von H. Wilhelm

Mit Lehman-Papieren hat Rentnerin Sporberg viel Geld verloren. Jetzt soll der Bund ihr den Schaden ersetzen – dafür klagt sie in Karlsruhe.

Hannelore Sporberg ist sauer. Auf ihre Bank vor allem. Seit über 40 Jahren ist sie nun Kundin; wie schon ihre Schwiegereltern und ihr verstorbener Mann. Sporbergs blaue Augen blitzen zornig hinter der Goldrand-Brille. Ihr halbes Vermögen ist weg, verloren durch Papiere, die sie nicht verstanden hat. Ihr geht es wie 40.000 anderen Deutschen, die ihr Geld mit Zertifikaten der Pleite-Bank Lehman verloren haben. So viele enttäuschte Seelen. Sie klagen. Gegen ihre Bank, gegen ihren Berater.

Aber Hannelore Sporberg ist anders. Die 68-Jährige verklagt nicht die Bank, von der sie so enttäuscht ist. Nein, sie klagt gegen die Bundesrepublik Deutschland. „Ich klage gegen den Staat, weil ich in den noch Vertrauen habe. Von ihm erhoffe ich mir Gerechtigkeit“, sagt die Rentnerin und schüttelt den Kopf, die blonden kurzen Haare wippen.

Verfassungsbeschwerde eingereicht

Sporberg hat Verfassungsbeschwerde eingereicht. Sie klagt gegen das Finanzmarktstabilisierungsgesetz, eilig verabschiedet im Oktober 2008, einen Monat nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers, als sich die Welt unter diesem Schock wand und das Vertrauen in das Finanzsystem bedrohlich wackelte. Die Bundesrepublik musste handeln, also schaffte sie einen Fonds, der die Zahlungsfähigkeit von Banken sicherstellen sollte. Unter anderem haben die Institute die Möglichkeit, ihre faulen Papiere an diesen Fonds loszuwerden. Aber das dürfen eben nur Banken, denn sie sind systemrelevant. Mit anderen Worten: Wenn eine pleitegeht, kann das viele andere mit in den Abgrund reißen.

Hannelore Sporberg ist nicht systemrelevant, deshalb bekommt sie kein Geld von dem Fonds. „Es kann doch nicht sein, dass den Tätern, also den Banken, die uns schlecht beraten haben, geholfen wird und uns nicht.“ Deshalb klagt sie gegen das Gesetz und gegen den Staat, auf den sie eigentlich nicht wütend ist. Dabei hilft ihr Peter Mattil, Rechtsanwalt, oder vielmehr hilft eigentlich sie ihm. Denn er ist die treibende Kraft hinter der Beschwerde. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich mal in so ein große Sache reingerate“, sagt Sporberg und lacht.

Mattil hat sie ausgesucht, erklärt er, weil sie so eine typische Lehman-Anlegerin sei. „Alt und dumm eben“, sagt Sporberg und lacht wieder. „Alt und dumm“, so nannten Banker die Zielgruppe, denen sie so leicht Zertifikate andrehen konnten. Diese hochkomplexen Wetten, die ein paar Prozentpunkte mehr Rendite versprachen und dafür auch jede Menge mehr Risiken bargen. Das mit den Risiken sagten die Banker nicht so gerne, wenn sie Rentner anriefen, um ihr Festgeld in ein Zertifikate umzuschichten.

Verhängnisvoller Anruf

Mit einem Telefonanruf hat es vor einigen Jahren auch bei Sporberg begonnen. Da ist sie Mitte 60. Sie hat keine Chance, das verlorene Geld noch mal zu verdienen. Ihr Arbeitsleben ist vorbei und ihr Mann tot. Sein Leben lang ist er gereist, als Fernmeldetechniker für Siemens, durch Afrika, den Nahen Osten. Als er 2001 endlich zu Hause und in Rente ist, stirbt er an Krebs. Die Asbestfasern der sechziger Jahre sind schuld. Also ist Hannelore Sporberg plötzlich alleine – auch mit den Geldgeschäften.

Dumm ist sie nicht, aber sie ist das, was Banker als dumm bezeichneten: „Vertrauensselig, leichtsinnig, das war ich wohl“, sagt sie. Der Banker, der bei ihr anruft ist „freundlich, so ein Sonnyboy, jung, vielleicht Mitte 30“. Wie so viele Rentner glaubt sie, er wolle das Beste für sie. Also kauft sie. Sie bekommt nichts Schriftliches, keine Produktbeschreibung, keinen Prospekt. „Ich hätte hellhörig werden müssen“, sagt sie heute. „Jetzt weiß ich, dass mehr Rendite auch mehr Risiko bedeutet.“ Das Wissen hat sie sich erarbeitet in den vergangenen Monaten. Sie liest Magazine, Zeitungen, alles, was sie bekommen kann. Sie will verstehen, was da passiert ist.

Sporberg ist nicht arm. „Alt, dumm, vermögend“ war die Lieblingsklientel der Bankberater. Denn investieren kann nur, wer Geld hat. So wie Sporberg, so wie so viele in ihrer Generation. Sporberg bekommt ihre Rente und einen Teil der Rente ihres Mannes. Das reicht gut zum Leben. Vor 20 Jahren haben sie eine Wohnung in München gekauft, hier lebt sie bis heute, zwischen den ganzen afrikanischen Masken und Statuen, die ihr Mann von seinen Reisen mitgebracht hat. Sporberg ist schlank, sorgfältig geschminkt, trägt dezenten Goldschmuck. Heute reist sie durch die Welt, alleine oder mit einer Freundin, zuletzt durch Mexiko, den Oman, Kambodscha.

„Alt, dumm vermögend“

Es war immer genug Geld da um etwas zurückzulegen. Doch nun ist die Hälfte des Ersparten verloren. 40.000 Euro weg, einfach so. „Ich weiß, dass ich gut dran bin“, sagt die 68-Jährige, „aber das heißt doch nicht, dass ich nicht um mein Geld kämpfen darf.“ Außerdem ist das Gefühl der Sicherheit weg. So viele Nächte hat sie nicht geschlafen, ist aufgestanden, zu ihrem roten Ordner mit den Unterlagen gelaufen, um etwas nachgucken, das sie immer noch nicht versteht.

„Alt, dumm, vermögend“ – das sind nicht unbedingt die Bankkunden, die sich nun wehren. „Am Anfang habe ich mit niemandem gesprochen. Es war mir peinlich“, sagt Sporberg. Aber jetzt redet sie, auch in der Öffentlichkeit. „Wer A sagt, muss auch B sagen und diesen ganzen Trubel mitmachen“, findet sie. Sie hat eine Anzeige in der Zeitung geschaltet, um Menschen zu finden, die mit ihr zusammen demonstrieren. Aber es haben sich nur acht gemeldet, von denen sechs sagten, das bringe doch eh nichts. Also klagt Sporberg nun alleine.

Aber erst mal wartet sie auf die Entscheidung aus Karlsruhe, ob sich das Verfassungsgericht der Beschwerden überhaupt annimmt. Ob sie überhaupt vor Gericht gegen den Staat ziehen darf, auf den sie eigentlich so gar nicht sauer ist. Die Wahrscheinlichkeit ist verschwindend gering. Nur zwei Prozent der Verfassungsbeschwerden haben Erfolg.

(SZ vom 18.04.2009/tob)

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