Chronologie der Krise

Wie aus einer Immobilienblase eine Weltwirtschaftskrise wurde…

BASF-Chef: „Es wird Schweiß und Tränen geben“

Posted by hw71 - 3. Januar 2009


Streckenweise sehr gutes Interview mit interessanten Ansichten des BASF-Chefs. An einigen Stellen erschreckend ehrlich und teilweise diametral zu Joe Ackerman, der ja nach wie vor steif und fest behauptet, es gäbe keine Kreditklemme. Zumindest nicht in Deutschland. Gut – vielleicht verstehen die beiden Herren auch nur unterschiedliche Dinge unter dem Begriff „Kreditklemme“. Das wird’s wahrscheinlich sein… 😉 …

Gefunden bei faz.net:

BASF-Chef über die Wirtschaftskrise

„Es wird Schweiß und Tränen geben“

03. Januar 2009 BASF-Chef Jürgen Hambrecht warnt vor einem herben wirtschaftlichen Einbruch in Deutschland. „Wir sind in einer tiefen Rezession. In einer Rezession, wie sie wenige vorher je erlebt haben, wie wir sie uns in ihrem Ausmaß bisher kaum vorstellen konnten“, sagte der BASF-Chef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. „Die Wucht des Abschwungs ist durchschlagend.“ Damit äußert er sich skepitischer als noch vor kurzem in der F.A.Z (Unternehmen 2009: Schwarzmalen nicht erwünscht).

Herr Hambrecht, wir suchen nach Zeichen der Hoffnung für 2009. Helfen Sie uns?

Das wird schwer. Wir sind in einer tiefen Rezession. In einer Rezession, wie sie wenige vorher je erlebt haben, wie wir sie uns in ihrem Ausmaß bisher kaum vorstellen konnten.

Die Krise ist einzigartig?

Ja. Die Wucht des Abschwungs ist durchschlagend. Wir müssen uns auf harte Zeiten vorbereiten. Die zurückliegenden Rezessionen waren zumeist regionale Phänomene. Mal ging es schlechter in Europa, dann in Amerika, an die Asien-Krise 1997 erinnert sich ja kaum noch einer.

Der Gedanke, es gebe für die Weltkonjunktur kein großes Auf und Ab mehr, weil sich die Regionen ausgleichen, hat sich überholt?

In den vorigen Schwächephasen war es so, dass der Rest der Welt regionale Wirtschaftsflauten ausgleichen konnte. Jetzt haben wir eine synchrone Rezession. Das ist neu. Alle Regionen fallen stark zurück, die Wachstumsraten sind fast überall negativ. Die Lage ist außerordentlich bedrückend. Auch wenn es viele Bürger noch nicht wahrhaben wollen.

Woran liegt das?

Die konkreten Folgen kommen erst später an: Die Beschäftigungslage ist noch sehr gut, auch die Einkommen sind gestiegen. Außerdem gehen die Rohstoffpreise nach unten, die Produktpreise ebenso. So ist das Benzin an der Tankstelle viel billiger geworden. Da sagen sich viele Mitbürger: Wo ist die Krise? Dabei dürfen wir uns jetzt keinesfalls mit Horrorszenarien überbieten. Trotzdem müssen wir uns Aug‘ in Aug‘ mit der Realität auseinandersetzen.

Wirtschaftsforscher schlagen vor, lieber keine Prognosen mehr zu veröffentlichen, als die Stimmung weiter schlechtzureden.

Das heißt Kopf in den Sand – und ist keine Lösung. Der Versuch, sich irgendwie durchzuwursteln, ist in dieser Krise gefährlich und bestimmt nicht zielführend. Wir müssen alles tun, damit das Konjunkturtal nicht zu tief und zu breit wird.

Vielleicht verdrängt der Bürger die Krise, weil er eh nichts daran ändern kann. Welchen Einfluss hat er schon auf den Lauf der Weltwirtschaft?

Der Bürger ist in der Tat abhängig. Er kann nur reagieren, kaum agieren.

Was kann er überhaupt tun?

Er kann sich zumindest darauf einstellen, dass er flexibler sein muss. Ich bin stolz darauf, wie hier in der BASF die Mitarbeiter mit der Lage umgehen. Sie wechseln zum Beispiel in großer Solidarität von einem Produktionsbetrieb in den anderen, wenn das notwendig ist.

Sie haben schon im November 80 Anlagen runtergefahren, weil die Aufträge ausbleiben.

Dafür wurde mir von einigen vorgeworfen, ich würde zu schwarz malen. Dabei haben wir nur die Realität abgebildet. Zugleich sage ich auch, wir schaffen das. Weil wir innovativ sind. Weil wir in Deutschland eine der besten Industriestrukturen der Welt haben. Und weil viele deutsche Unternehmen gut gerüstet in die Krise gehen.

Was eigentlich ist so bedrohlich daran, fragt der Ketzer, wenn die Wirtschaft mal um vier Prozent schrumpft?

Wenn die Leistung der Volkswirtschaft schrumpft, gehen leider nicht die Kosten im gleichen Maße zurück. Im Gegenteil, in der Regel steigen diese weiter an. Wir brauchen deshalb Wachstum, um die steigenden Kosten über mehr Produktion ausgleichen zu können. In den letzten Jahren haben wir so die Wettbewerbsfähigkeit gerade hier in Deutschland gesteigert. Im Schrumpfszenario gelten andere Regeln, viele Firmen weltweit werden das nur schwer überstehen.

Was kann der Staat tun, damit es nicht so weit kommt?

Was wir brauchen, sind schnelle, mutige und vor allem nachhaltige Lösungen.

Einkaufsgutscheine fürs Volk?

Was sollen die schon bringen? Mit den Coupons würde gekauft, was unmittelbar gebraucht wird. Weil diese Produkte oft nicht aus Deutschland kommen, hilft das unserer Wirtschaft wenig. Ich halte nichts von einem einmaligen Feuerwerk: laut, aber schnell verpufft. Auch eine Senkung der Mehrwertsteuer hilft nicht weiter. Otto Normalverbraucher kauft keinen Toaster, weil der statt 39 nur 35 Euro kostet.

Was schlagen Sie stattdessen vor?

Erstens: schnell wirksame Investitionen in die Infrastruktur, wie sie bereits zwischen Bundesregierung und den Ländern diskutiert werden. Ich denke da an die Energie- und Verkehrsinfrastruktur, vor allem aber an Investitionen in Kindergärten, Schulen und Hochschulen. Unsere Kinder werden es uns durch mehr Lernfreude danken. Zweitens sollten Steuern gesenkt werden. Wenn der Bürger netto mehr zur Verfügung hat, schafft das mehr Sicherheit durch Vertrauen und kurbelt letztlich den Konsum an. Dazu könnte man den völlig überalterten Soli abschaffen und die ungerechte kalte Progression in der Einkommensteuer beseitigen. Letztere trifft bei uns in der BASF fast alle Mitarbeiter. Hilfreich wäre gerade jetzt auch eine steuerliche Förderung von Forschung und Entwicklung.

Welche Rolle messen Sie den Banken zu? Gibt es eine Kreditklemme?

Natürlich.

Bankvorstände wie Josef Ackermann bestreiten das.

Dafür habe ich kein Verständnis. Die Kreditklemme gibt es, weltweit. Die Politik muss eingreifen, damit die eingefrorenen Kredite wieder aufgetaut werden. So gut das Rettungspaket der Regierung für die Banken war, so schade finde ich es, dass nicht alle Geldhäuser unter den staatlichen Schirm gezwungen wurden. Jetzt sanieren sich die Banken erst mal selbst, zu Lasten der Kunden. Und wenn sie in ein, zwei Jahren ihre Unterkapitalisierung behoben haben und wieder gute Ergebnisse vorweisen, fragt niemand, wie viele ihrer Kunden auf der Strecke geblieben sind. Das finde ich höchst bedenklich.

Und wie steht es um die Verantwortung der Industrie? Siemens-Chef Löscher hat vorgeschlagen, alle Dax-Konzerne sollten auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten.

Das halte ich für unrealistisch. Wir fahren derzeit auf Sicht. Eine längerfristige Prognose kann niemand seriös abgeben.

So viel Ratlosigkeit war selten. So viel Unsicherheit gibt kein Top-Manager gerne zu.

Leider ist es aber so. Für das erste Quartal rechne ich weiterhin mit ziemlich dickem Nebel und relativ schlechten Zahlen auf breiter Front. In solch einem Umbruch kann es industrieweit doch keine Garantie auf den Verzicht betriebsbedingter Kündigungen geben.

Wie sicher dürfen sich die BASF- Mitarbeiter fühlen? Droht Kurzarbeit?

Wenn Zeitguthaben, Urlaub und andere betriebliche Maßnahmen ausgeschöpft sind, kann Kurzarbeit nicht ausgeschlossen werden.

Bei welchen Ihrer Kunden spüren Sie die herbsten Einbrüche?

Die Automobilindustrie ist schwer gebeutelt – in Europa wie in Asien, von den Amerikanern ganz zu schweigen. Die Nachfrage geht zum Teil um 20 bis 50 Prozent zurück, im Lastwagenbereich in Extremfällen bis zu 100 Prozent. Das hat natürlich Folgen für uns. Zumal auch andere Branchen wie Bau, Elektronik, Textil, Leder, Spielzeug und Möbel weltweit leiden. Die Konsequenz ist, dass die ersten Firmen Konkurs anmelden, und ich fürchte, das wird sich noch verstärken. Glauben Sie mir, ich würde lieber ein anderes Bild zeichnen.

Gibt es keine positiven Nachrichten?

Doch. Auch diese Krise bietet Chancen. Wer tolle neue Produkte hat, ist besser dran – das gilt für alle Branchen genauso wie für uns. In der Ernährung und im Pflanzenschutz läuft das Geschäft sehr gut. Die Landwirte haben ein relativ gutes Einkommen und sind zuversichtlich. Die Preise für Agrarprodukte sind noch immer hoch, die Kosten eher günstig; weil die Preise für Energie und Treibstoff stark gefallen sind.

Der Ölpreis ist seit dem Sommer um zwei Drittel gesunken. Ist das gesund?

Das Schlimme ist die unglaubliche Volatilität, nach oben wie nach unten. Öl ist längst kein physisches Produkt mehr, es ist ein hochspekulatives Finanzprodukt geworden.

Was ist besser für die BASF: Ein hoher oder ein niedriger Ölpreis?

Wir haben eine einzigartige Position in der Industrie: Ein hoher Preis ist gut, weil wir dann einen hohen Ertrag in unserem Öl- und Gasgeschäft haben. Ein niedriger Preis hilft dagegen dem Chemiegeschäft. In der Summe heißt das: Die BASF schwingt nicht so stark auf und ab, ist weniger zyklisch als andere.

Trotzdem hat sich der Aktienkurs in den vergangenen Monaten halbiert. Wie erklären Sie dem Laien, dass die BASF heute 25 Milliarden Euro weniger wert ist, auch wenn hier dieselben Fabriken stehen?

Die Börse bestimmt nun mal, was der Konzern wert ist. Ob uns das gefällt oder nicht. Deshalb müssen wir alles tun, den Markt davon zu überzeugen, dass die BASF ein gutes Investment ist und bleibt.

Zumindest Ihre Familie hat die niedrigen Kurse genutzt, um BASF-Aktien zu kaufen.

Ich investiere dort, wo ich glaube, dass am meisten rauskommt: Und das ist für mich nun mal die BASF (Aktienkäufe durch Insider: Glaubensbekenntnisse). Daran sehen Sie: Ich habe keine Angst. Wir werden unsere Zukunft aktiv gestalten, auch wenn wir derzeit härtere Zeiten erleben.

Für Sie persönlich rechnen Sie mit einem anstrengenden Jahr?

Mein Arbeitsalltag ist schon sehr intensiv und insofern nur noch bedingt zu steigern. Was jetzt kommt, hat eine andere Qualität. Das müssen wir den Mitarbeitern und allen Bürgern klar und deutlich sagen.

Das klingt nach Blut, Schweiß und Tränen.

Blut nicht gerade. Schweiß und Tränen, ja. Die wird es leider geben. Danach kommen aber wieder bessere Zeiten, und dafür lohnt es sich, zu kämpfen.

Das Gespräch führte Georg Meck

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Frank Röth

Advertisements

Sorry, the comment form is closed at this time.

 
%d Bloggern gefällt das: