Chronologie der Krise

Wie aus einer Immobilienblase eine Weltwirtschaftskrise wurde…

Deutschland: Geldmarkt stand im Oktober vor dem Zusammenbruch…

Posted by hw71 - 1. Januar 2009


… und ich dachte schon, ich bin paranoid… 😉

Nun also auch „offiziell“: Deutschland stand im Oktober kurz vor einem finanziellen Kollaps. Davon war in den Feld-Wald-Wiesen Medien natürlich nix zu lesen. Schön, dass man so kurz danach nun doch erfährt, was aufgrund der ganzen Nebelkerzen von Bankern und Politikern für die Mehrheit der Bürger nicht offensichtlich war – Zitat aus nachfolgendem Artikel:

Ein paar Tage noch und man hätte keine Geldscheine mehr aus dem Automaten bekommen.

Spannender für mich ist allerdings die Frage, wie es „beim nächsten Mal“ wohl ablaufen wird. Ein weiteres Lippenbekenntnis a la „Die Einlagen sind sicher“ kann unser aller Volkskanzlerin Angie ja nicht mehr aus dem Hut zaubern… 🙂

Gefunden bei tagesschau.de:

ARD-Jahresrückblick 2008

Wie das Land am finanziellen GAU vorbeischlitterte

Im Herbst stand Deutschland drei Wochen lang am Rand des finanziellen GAU. Ein paar Tage noch und die Geldautomaten hätten keine Scheine mehr ausgespuckt. Wie konnte es so weit kommen? Und wer eilte zur Rettung? Ein Blick zurück in den Abgrund.

Von Tilmann Bünz, NDR

Deutschland ist Autoland. An den Verladekais von Bremerhaven ist von Krise keine Spur: Dicht an dicht warten 80.000 nagelneue Autos auf Verschiffung. All die blitzenden Karossen sind bestellt und angezahlt. Kritisch wird es hier erst, wenn der Parkplatz von der Größe einer mittleren Kleinstadt sich in ein paar Monaten leeren sollte. Wenn der Nachschub stockt, weil die deutschen Autofirmen ihre Weihnachtspause immer weiter dehnen, weil die Verbraucher das Geld zusammenhalten. Denn der Markt ist geschrumpft. Die Finanzkrise macht die Menschen vorsichtig – besonders bei langlebigen Gütern. Viele warten ohnehin auf die nächste Generation, die Nachfolger der zu großen, zu teuren und zu durstigen Autos.

Erste Opfer der Krise: Die Leiharbeiter

Die ersten, die das zu spüren bekommen, sind die Leiharbeiter. Schichtwechsel beim Daimler-Werk in der Pfalz. Für Christian Dommerdich ist es die letzte Schicht. Gerade ist er Papa geworden, hatte sich Hoffnung auf eine feste Stelle gemacht. Vor drei Tagen hat er wie seine 900 Kollegen eine SMS bekommen, er möge sich im Büro seiner Leiharbeitsfirma melden. Dort bekam er dann die Kündigung. Christian Dommerdich ist 28 Jahre alt, Autolackierer und gelernter Bürokaufmann. Schade, sagt er, das Gehalt sei gut gewesen, 2200 Euro netto im Monat. Er habe sich gerade mit einigen Kollegen angefreundet.

Lehman-Pleite bringt den Stein ins Rollen

Dommerdich hätte vielleicht bei Daimler bleiben können, wenn es da nicht diesen einen Tag gegeben hätte: den 15. September 2008 an der Wall Street, den Tag, der das endgültige Aus für die Traditionsbank Lehman Brothers nach mehr als 150 Jahren brachte. Die US-Regierung hatte beschlossen, keine Steuergelder mehr in die Rettung von Pleiteunternehmen zu stecken. Dann geht alles sehr schnell: Der Kurs der Aktie stürzt auf ein paar Cent. Die 26.000 Angestellten verlassen das sinkende Schiff, von Kameras umringt suchen sie so schnell es geht das Weite, Pappkartons mit ein paar persönlichen Dingen in der Hand. Die Experten sind sich einig, dass Lehmans Sturz die Weltwirtschaft auf Jahre nach unten ziehen wird. Es sollte sich als ein kapitaler Fehler der US-Notenbank erweisen, Lehman vor die Hunde gehen zu lassen.

Die wahre Währung der Welt heißt Vertrauen

Denn mit Lehman geht wichtigeres verloren als Geld. Die eigentliche Währung der Welt heißt Vertrauen. Wo Vertrauen fehlt, gehen Existenzen zu Bruch. Erste Bilder von Amerikanern in Zeltstädten gehen um die Welt: Einige hundert campieren in Nevada, verweinte Augen hinter windigen Plastikplanen, Wind und Sonne ausgesetzt. Sie mussten ihre Häuser aufgeben, weil ihnen das Geld ausging.

Die zerstörerische Seite des Kapitalismus

Der Absturz kam nicht überraschend. Das System der luftigen Geschäfte, die durch nichts in der Realwirtschaft mehr gedeckt waren, musste eines Tages zusammenbrechen, sagt der Nobelpreisträger Paul Krugmann kurz vor der Preisverleihung in Stockholm. Der bärtige Professor und ständige Kolumnist der „New York Times“ hatte schon zuvor immer wieder vor der zerstörerischen Seite des Kapitalismus gewarnt. Aber die, die am Ruder waren, taten den brummigen Mann als Spielverderber ab.

Paul Krugmann sagt: „Sie hatten keinerlei Sicherungen eingebaut. Das war ihr größter Fehler und seit Jahrzehnten absehbar.“ Lehman in die Pleite zu schicken, nennt er „einen fürchterlichen Patzer“. „Die Regierung hat drei Wochen verschwendet, bis sie handelte und das ist eine sehr lange Zeit.“

Panik hinter den Fassaden

Die Krise kommt nach Europa, bringt Island und Ungarn an den Rand des Ruins, raubt Bankern und Börsianern in Frankfurt den Schlaf. Hinter den Fassaden in Frankfurts Bankenviertel herrscht Panikstimmung, berichten Insider. Seit Lehman pleite ging, ist das Misstrauen zwischen den Banken abgrundtief: Sie leihen sich kein Geld mehr, weil sie glauben, dass jeder etwas versteckt hält in seiner Bilanz.

Geldmarkt vor dem Zusammenbruch

Die Rede ist von Kernschmelze, Flächenbrand, Abgrund. Ist es wirklich so schlimm? Michael Best, Leiter der ARD-Börsenredaktion, erinnert sich: „Ende September, Anfang Oktober wurden die 500-Euro-Scheine knapp. In der Schweiz begannen sie 1000-Franken-Scheine nachzudrucken.“ Bis am 5. Oktober die Bundesregierung die improvisierte Erklärung abgibt und alle Spareinlagen der Bürger im Wert von 1500 Milliarden Euro garantiert. „Das half und zwar sofort“, sagt Best.

Wenn nur der Staat helfen kann

In Windeseile schnürt die Bundesregierung ein Multimilliarden-Rettungspaket für die Banken, die Parlamentarier beraten die Nacht durch. Eile ist geboten, eine deutsche Großbank, die Hypo Real Estate, ist im freien Fall. „Wir standen am Abgrund, vor dem Kollaps der Geldwirtschaft. Ein paar Tage noch und man hätte keine Geldscheine mehr aus dem Automaten bekommen“, sagt Best. „Nur der Staat konnte noch helfen und die Notenbanken.“

Verkehrte Welt: Börsenmakler applaudieren Attac

Best ist dabei, als drei Wochen später, am 27. Oktober, das Allerheiligste besetzt wird: Aktivisten von der globalisierungskritischen Organisation Attac dringen als Besuchergruppe getarnt in den Handelssaal der Deutschen Börse ein und fordern die „Entwaffnung der Finanzmärkte“. Das erstaunlichste daran: der deutliche Applaus für die Globalisierungskritiker vom Parkett, wo die Börsenmakler sitzen. Es gibt wohl auch Buhrufe, aber die Zustimmung überwiegt.

„Verzocken“ wird Wort des Jahres

Irgendetwas ist schwer in Unordnung geraten, das spüren auch die Aktienhändler. „Verzocken“ wird eines der Worte des Jahres. Eine Billion Dollar ist weltweit verloren – da üben sich die ersten Banker in Buße. Josef Ackermann von der Deutschen Bank plädiert für staatliche Aufsicht über Bankgeschäfte. Bundespräsident Horst Köhler fordert die Rückkehr zu den Tugenden des soliden Bankiers.

Verbranntes Geld

Das könnte Köhler auch besonders auf die staatlichen Banker gemünzt haben: Sie haben bei den Landesbanken Sachsen LB und West LB im Jahr 2008 viel Geld verpulvert. Besonders ungeschickt: Die bundeseigene Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) überweist an Lehman, als die Investmentbank schon pleite ist. Das größte Loch reißt aber eine private Bank: Die Hypo Real Estate.

Manager am Pranger

Das Managerverhalten wird ein Fall für den Staatsanwalt, darauf haben viele lange gewartet. Professor Manfred Schmitt ist Psychologe in Landau und beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Frage nach Gerechtigkeit und sozialer Balance. Menschen gönnen ihren Führungskräften durchaus ein höheres Entgelt für besondere Leistungen, sagt er. Spitzenleute dürfen das zehn- bis 15-fache des Durchschnittseinkommens verdienen. „Nicht akzeptiert wird das 1000-fache.“ Manfred Schmitt vermisst klare Worte von den Verantwortlichen der Bankenkrise. „Was bisher fehlt ist ein Eingeständnis und eine Entschuldigung. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein.“

Die neue Bescheidenheit: Auto statt Privatjet

Die Autogiganten aus Detroit haben die Geste der Demut schon eingeübt. Die drei Firmenchefs reisen mehrmals auf Betteltour nach Washington – zunächst ganz selbstverständlich im Privatjet. Nach herber öffentlicher Kritik kommen sie zur zweiten Anhörung im Senat als Fahrgemeinschaft im Auto an. „Wir sind heute morgen um 5.30 Uhr aufgestanden und haben uns am Steuer abgewechselt.“ Robert Nardelli, der Chrysler-Chef bemüht sich sogar, ein bisschen zerknirscht auszusehen. Immerhin haben die Chefs der defizitären Autofabriken nach diesem Auftritt ein bisschen Land gewonnen – und Geld für die nächsten Monate.

An den Recherchen zu diesem Beitrag beteiligten sich zehn ARD-Studios von Frankfurt/ Main über Stockholm, von New York bis Bremen.

Stand: 29.12.2008 17:02 Uhr

Advertisements

5 Antworten to “Deutschland: Geldmarkt stand im Oktober vor dem Zusammenbruch…”

  1. […] Das erinnert mich an den Artikel von der ARD im Jahresrückblick 2008, in dem ja sowas ähnliches auch vom deutschen Bankensystem berichtet wurde: Deutschland: Geldmarkt stand im Oktober vor dem Zusammenbruch… […]

  2. […] Related Post: “Deutschland: Geldmarkt stand im Oktober vor dem Zusammenbruch…“ […]

  3. […] Deutschland: Geldmarkt stand im Oktober vor dem Zusammenbruch… […]

  4. […] von hw71 am 07.Juli 2009 OK, das ist für Leser dieses Blogs nicht wirklich was Neues (siehe hier, hier oder hier) – neu ist allerdings wiederum die Rolle von Asmussen in dieser Situation, […]

  5. […] natürlich auch im Oktober / November letzten Jahres, wo es ja auch bei uns in Deutschland kurz vor knapp […]

Sorry, the comment form is closed at this time.

 
%d Bloggern gefällt das: