Chronologie der Krise

Wie aus einer Immobilienblase eine Weltwirtschaftskrise wurde…

Deutschland: Der Sündenfall der Deutschen Bank

Posted by hw71 - 18. Dezember 2008


Ein interessanter Artikel zur aktuellen Situation bei der Refinanzierung von Banken. Besonderes „Schmankerl“: obwohl die Rückzahlung eine Anleihe der HSH Nordbank staatlich garantiert wäre, musste das Institut die Ausgabe einer Anleihe auf 2009 verschieben.

Related Post: „Deutsche Bank kauft Anleihe nicht vorzeitig zurück

Gefunden bei ftd.de:

Verweigerter Anleiherückkauf

Der Sündenfall der Deutschen Bank

von Tobias Bayer (Frankfurt)

Es war ein ungeschriebenes Gesetz: Nachrangige Anleihen werden vorzeitig zurückgezahlt. Doch die Deutsche Bank weigerte sich als erstes großes Haus. Andere Finanzinstitute werden wohl folgen – was sich am Ende rächen könnte.

Die Weigerung der Deutschen Bank, eine nachrangige Anleihe vorzzeitig zurückzahlen, könnte Schule machen. In den kommenden Monaten müssen unter anderem HBOS, Banco Sabadell, Nordea, Mizuho, Intesa Sanpaolo und Anglo Irish Bank entscheiden, ob sie ausstehende Bonds begleichen oder nicht. Insgesamt stehen 2009 Anleihen mit einem Wert von 33 Mrd. Euro zur Rückzahlung an.

„Das Vertrauen der Anleger ist durch die Deutsche Bank erschüttert“, sagte Nick Smallwood, Analyst bei Daiwa Securities in London. Der Index für nachranginge Anleihen – im Fachjargon werden sie Lower Tier 2 (LT2) genannt – fiel daraufhin von 96 auf 87 US-Cent auf den Dollar.

Die Deutsche Bank schreckte am Mittwoch den Markt mit der Ankündigung auf, eine 2014 fällige Nachranganleihe mit einem Volumen von 1 Mrd. Euro nicht vorzeitig zurückzuzahlen. Bisher hatte die Rückzahlung als ungeschriebenes Gesetz gegolten. Nur zwei kleinere Banken – die italienische Credito Valtellinese und die slowenische Nova Kreditna Banka Maribor – hatten bisher dagegen verstoßen. „Ich würde nicht ausschließen, dass andere Banken folgen könnten“, sagte Corinna Dröse, Kreditmarktstrategin der DZ Bank.

Teure Kapitalaufnahme

Die Deutsche Bank begründeten die Entscheidung, die Anleihe nicht vorzeitig zurückzahlen, mit den aktuell hohen Refinanzierungskosten für Banken. Die Frankfurter zahlen für ihre alte Anleihe einen Zinssatz von 3,875 Prozent. Ab Januar gilt dann der dreimonatige Euribor mit einem Aufschlag von 88 Basispunkten, was 4,086 Prozent entspräche – das ist immer noch weniger, als derzeit von Investoren gefordert wird.

Die kontroverse Entscheidung der Deutschen Bank ist Ausdruck der schwierigen Refinanzierungssituation der Banken. Investoren fürchten Abschreibungen und fordern deshalb hohe Risikoaufschläge. Die Finanzinstitute ziehen deshalb vor, an den alten günstigeren Konditionen festzuhalten. Damit laufen sie aber Gefahr, Neuemissionen zukünftig noch weiter zu erschweren. Gerade die Deutsche Bank muss bangen: Laut Bloomberg werden im kommenden Jahr 54 Mrd. Euro an Verbindlichkeiten fällig. „Wegen der Deutschen Bank verzögern sich nun für die Banken die Refinanzierungsmöglichkeiten über nachrangige Anleihen“, schrieben die Kreditstrategen von ING in einem Researchbericht.

Wie schwierig die Schuldenaufnahme derzeit ist, verdeutlicht das Beispiel BNP Paribas. Das französische Kreditinstitut platzierte vergangene Woche einen Bond im Umfang von 1,5 Mrd. Euro mit fünfjähriger Laufzeit – und musste dafür einen Aufschlag von 160 Basispunkten über Swapmitte zahlen. Das ist außergewöhnlich hoch, insbesondere für eine Bank wie BNP Paribas, die sich auch trotz unerwarter Abschreibungen bisher solide in der Krise schlug. Stärker gebeutelten Kreditinstituten bleibt der Kapitalmarkt sogar ganz verschlossen. So musste die HSH Nordbank ihre staatlich garantierte Anleihe sogar auf 2009 verschieben.

Fraglich ist nun, ob nachrangige Bankanleihen mit vorzeitiger Kündigung überhaupt noch eine Zukunft haben. In den vergangenen sechs Monaten wurde kein einziger Bond dieser Sorte platziert. Das könnte auch damit zu tun haben, dass die Attraktivität aus Bankensicht gesunken sei, schrieben Simon Adamson und John Raymond vom Researchhaus Creditsights.

So hätten die Banken früher einen regulatorischen Anreiz gehabt, solche Anleihen zu begeben. Buchhalterisch gilt der Grundsatz: Je länger die Fälligkeit, desto mehr Anleihekapital kann dem Eigenkapital zugeordnet werden. Das bedeute wiederum, dass die Banken ein Interesse daran hatten, einen Bond zurückzukaufen, je näher das Laufzeitende rückte.

Das habe sich während der Kreditkrise aber geändert. „Derzeit konzentriert sich der Markt nur noch auf das Kernkapital. Da das nachranginge Kapital nicht dazu gerechnet wird, spielt es keine entscheidende Rolle mehr“, urteilen Adamson und Raymond. „Tier-2-Verbindlichkeiten haben einen Großteil ihrer Relevanz als Kapital verloren.“

Gefahr auch für andere Anleihen?

Die große Frage lautet jetzt: Welche Auswirkung hat die Deutsche-Bank-Entscheidung für andere Anleihen. Die Kreditstrategen von Credit Suisse befürchten Auswirkungen auf vorrangige, unbesicherte Verbindlichkeiten („senior unsecured debt“). In den vergangenen Wochen hatte einige Banken – darunter BNP Paribas, Credit Suisse und Société Générale – erfolgreich solche Bonds platziert. „Es ist durchaus wahrscheonlich, dass auch dieser Markt nun einen Rückschlag erlitten hat“, schrieben die Credit-Suisse-Experten.

Sie ziehen eine Paralle zu Großbritannien. Dort hatte die Regierung die Konditionen bei Verbindlichkeiten des verstaatlichten Hypothekenfinanzierers Northern Rock geändert – und damit Turbulenzen bei hypothekenbesicherten Anleihen ausgelöst.

FTD.de, 13:25 Uhr
© 2008 Financial Times Deutschland

Advertisements

Sorry, the comment form is closed at this time.

 
%d Bloggern gefällt das: