Chronologie der Krise

Wie aus einer Immobilienblase eine Weltwirtschaftskrise wurde…

Deutschland: Volle Lager kosten Firmen Milliarden!

Posted by hw71 - 5. Dezember 2008


Gefunden bei handelsblatt.com:

05.12.2008 , 08:32 Uhr
Konjunktureinbruch

Volle Lager kosten Firmen Milliarden

von Susanne Metzger und Markus Hennes

In den Regalen der Industrie lagert ein Milliardenrisiko: Absatzeinbrüche, Produktionsstopps und ein rapider Preisverfall in der Rezession zwingen vor allem Industrieunternehmen, Abschreibungen in Millionenhöhe auf ihre Vorräte vorzunehmen. Problem sind vor allem die schnell wachsenden Lagerbestände im Automobilbau, Maschinenbau oder der chemischen Industrie.

DÜSSELDORF. Führende deutsche Konzerne müssen wegen des starken Konjunktureinbruchs mit Abschreibungsbedarf in Millionenhöhe rechnen. Problem sind vor allem die schnell wachsenden Lagerbestände im Automobilbau, Maschinenbau oder der chemischen Industrie. Weil die Nachfrage wegbricht und die Preise sinken, muss abgewertet werden.

Am Donnerstag warnte der Verband der Chemischen Industrie (VCI) bereits vor unangenehmen Überraschungen in den Schlussbilanzen: „Ein Teil der Produktion im vierten Quartal geht ins Lager“, sagte VCI-Präsident Ulrich Lehner in Frankfurt. Bei sinkenden Rohstoffpreisen reduziere sich der Wert dieser Lagerbestände beträchtlich. Bei der Inventur am Jahresende müssen die Unternehmen dann außerplanmäßige Abschreibungen auf ihr Vorratsvermögen, also Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe sowie unfertige und fertige Erzeugnisse, vornehmen. Dazu zwingt sie der internationale Bilanzierungsstandard IAS. Wegen des massiven Konjunktureinbruchs liegt der Wert vieler Lagerbestände schon heute deutlich unter den Anschaffungs- und Herstellungskosten.

Eine Analyse des Handelsblatts zeigt: Die produzierenden Unternehmen aus den führenden Börsensegmenten Dax und MDax haben derzeit Vorräte mit einem Bilanzwert von 135 Milliarden Euro in den Büchern stehen. Schon eine Abwertung um fünf Prozent würde die Unternehmen fast sieben Milliarden Euro kosten. Diese Abschreibungen schlagen voll auf den Gewinn durch. In einigen Branchen ist das Vorratsvermögen in den ersten neun Monaten des Jahres enorm gestiegen.

Auch im Verhältnis zum Eigenkapital haben die Lagerbestände eine kritische Größe erreicht. Die Norddeutsche Affinerie oder Heidelberger Druck haben beispielsweise mehr Vorratsvermögen in der Bilanz als Eigenkapital. Müssen diese Unternehmen stark abschreiben, geht es an die Substanz. mjh/sme

Viele produzierende Industrieunternehmen erwartet am Jahresende eine böse Überraschung. Als Folge des starken Wirtschaftsabschwungs bleibt es nicht bei Absatzeinbrüchen und Produktionsstopps. Wegen des rapiden Verfalls der Preise müssen die Firmen nach dem internationalen Bilanzierungsstandard IAS obendrein noch ergebnisbelastende Abschreibungen auf ihr Vorratsvermögen vornehmen.

In den Bilanzen schlummern erhebliche Risiken, „die im Einzelfall sogar die Firmen in ihrer Existenz gefährden können“, sagt Christian Zwirner, Bilanzexperte der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Kleeberg in München. Dies gelte insbesondere für Unternehmen mit einem in Relation zum Eigenkapital hohen Vorratsvermögen. „Sofern außerplanmäßige Abschreibungen zu einem Verlust führen, reduziert dieser das Eigenkapital“, erläutert Zwirner.

Um die möglicherweise betroffenen Konzerne zu identifizieren, hat das Handelsblatt die aktuellen Quartalsberichte der produzierenden Industrieunternehmen aus Dax und MDax untersucht. Das Ergebnis: Insgesamt haben diese Unternehmen ein Vorratsvermögen von 135 Mrd. Euro in ihren Büchern stehen. Schon eine Abwertung um fünf Prozent würde also mit einem Betrag von fast sieben Mrd. Euro zu Buche schlagen. Fünf Unternehmen bilanzieren Lagerbestände, deren Wert sogar das gesamte Eigenkapital deutlich übertrifft – eine gefährliche Relation.

Den mit 105 Prozent größten Anstieg und mit 169 Prozent auch größten Anteil am Eigenkapital hat das Vorratsvermögen bei der Norddeutschen Affinerie in Hamburg. Der größte europäische Kupferproduzent hatte Ende Juni 2008 Vorräte mit einem Wert von 1,9 Mrd. Euro in seinen Büchern stehen. Dem stand jedoch nur ein Eigenkapital von 1,14 Mrd. Euro gegenüber. Der starke Anstieg des Lagerbestands resultiert aus der Übernahme des belgischen Konkurrenten Cumerio. Heidelberger Druckmaschinen hat ebenfalls mehr Vorräte als Eigenkapital in der Bilanz. Wie viele zyklische Unternehmen produziert der MDax-Konzern Teile und Komponenten vor, um sie erst später im Geschäftsjahr zu verkaufen. Genau dies kann nun für den weltgrößten Druckmaschinenhersteller zum Problem werden: Die Rezession hat gerade erst begonnen. Angesichts wegbrechender Absatzmärkte ist ungewiss, wie viele der vorproduzierten Maschinen überhaupt noch einen Käufer finden.

Kritisch ist die Vorrats-Eigenkapital-Relation auch beim Werkzeugmaschinenbauer Gildemeister und beim Stahlhändler Klöckner & Co. Wie Klöckner-Finanzvorstand Gisbert Rühl dem Handelsblatt sagte, „stellen wir uns im vierten Quartal bei den aktuellen Stahlpreisen auf Abschreibungen in mittlerer zweistelliger Millionenhöhe ein“. Da die Bilanz aber erst im März 2009 erstellt werde, könne sich das noch ändern. Der Leverkusener Spezialchemie-Konzern Lanxess hat Wertberichtigungen für das Schlussquartal von 20 Mio. Euro angekündigt. Tobias Mock von der Ratingagentur Standard & Poor’s geht davon aus, dass etliche Konkurrenten ebenfalls von Abschreibungen auf den Lagerbestand betroffen sein werden.

Düster sieht es nach Ansicht des Saarbrücker Professors Karlheinz Küting bei den Automobilherstellern und ihren Zulieferern aus: „Diese Unternehmen sind doppelt von Preis- und Absatzeinbrüchen betroffen“, sagte Küting. Da Daimler, VW und BMW die Nachfrage überschätzt hatten, stieg das Vorratsvermögen in den ersten neun Monaten 2008 drastisch – bei BMW um 20,8 Prozent auf 8,8 Mrd., bei Daimler um 26,1 Prozent auf 17,8 Mrd. und bei Volkswagen sogar um fast 40 Prozent auf 19,5 Mrd. Euro. Bei den Autokonzernen dürften die außerplanmäßigen Wertberichtigungen absolut am höchsten ausfallen – deutlich sichtbar aber wohl erst 2009.

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