Chronologie der Krise

Wie aus einer Immobilienblase eine Weltwirtschaftskrise wurde…

FTD Round-Table: „Diese Krise ist gravierender“…

Posted by hw71 - 7. November 2008


Gefunden bei ftd.de:

FTD-Round-Table

„Diese Krise ist gravierender“

von Thomas Fricke, Mark Schrörs und André Kühnlenz

In Rekordzeit ist der Euro-Raum in die Krise gerutscht. Kurz vor dem Zins-Entscheid am Dienstag hat die FTD fünf Chefökonomen, darunter Jürgen Stark von der EZB, versammelt, um zu diskutieren, was zu tun ist.

FTD Die Euro-Zone steckt bereits in ihrer ersten Rezession. Jetzt besteht die größte Sorge, dass es noch zu einer regelrechten Kreditklemme kommt. Welche Signale hat da die Europäische Zentralbank?

Jürgen Stark Derzeit gibt es wechselnde Signale: Auf drei Tage, an denen man glaubt, es gibt eine leichte Entspannung, folgt wieder ein Rückschlag. Fakt ist, dass die Geldmärkte nicht funktionieren. Wenn es zwischen den Banken nicht funktioniert, muss es aber zwischen den Banken und der Zentralbank laufen: Wir haben die Liste der Sicherheiten erweitert, die wir bei der Bereitstellung von Liquidität akzeptieren. Wir sind auf Tender mit fixem Zins übergegangen. Wir haben sozusagen unser Arsenal verbreitert, um die Banken mit Liquidität zu versorgen.

FTD Aber die Probleme auf dem Finanzmarkt halten an.

Stark Ja, das Grundproblem ist, dass es an Vertrauen zwischen den Banken mangelt. Dieses strukturelle Problem kann die EZB nicht lösen. Ich hoffe, dass sich durch die staatlichen Hilfen noch eine gewisse Entspannung ergibt. Noch sind nicht alle Maßnahmen umgesetzt.

FTD Aber besteht nicht die Gefahr, dass es beim Kreditwachstum ähnlich wie bei den Indikatoren zum abrupten Einbruch kommt?

Stark Zunächst einmal: Seit dem dritten Quartal 2007 signalisiert unsere Bankenumfrage eine Verschärfung der Kreditstandards – tatsächlich ist die Kreditvergabe aber bis in den September hinein zweistellig gewachsen. Wir haben bislang keine Hinweise auf eine Kreditklemme. Aber es ist auch richtig, dass wir uns seit Oktober in einer ganz anderen Situation befinden. Es ist daher zu erwarten, dass wir eine restriktivere Kreditvergabe sehen werden.

FTD Also ist es richtig, dass die Staaten Banken mit beispiellosen Eingriffen helfen – auch wenn sie teils marktwirtschaftliche Grundsätze über Bord werfen?

Stark Der entscheidende Punkt ist, dass die Banken den Kreditkreislauf aufrechterhalten. So sehr es mir ordnungspolitisch missfällt, was nun geschehen ist, angesichts der Dramatik der Situation waren staatliche Eingriffe unvermeidlich – vor allem nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers.

FTD Diese Pleite am 15. September wird immer wieder als Wendepunkt genannt. Auch die EZB erklärt damit ihren Kurswechsel. Aber im Euro-Raum hatte der Abschwung doch früher eingesetzt.

Stark Der Konkurs von Lehman bedeutet eine Zäsur für das Banken- und das Finanzsystem, aber auch für die Konjunktur. Die sich im Frühjahr abzeichnende Trendwende nach Bear Stearns hat sich mit dem Lehman-Fall total ins Gegenteil verkehrt. Wir haben es seither mit einem fundamentalen Vertrauensproblem im Bankensystem zu tun, und auch das Vertrauen der Bürger in das System ist zutiefst erschüttert. Diese Vertrauenskrise schwappt jetzt auf die Realwirtschaft über. Die Konjunktur hat sich wesentlich rascher abgeschwächt, als es Mitte des Jahres zu erwarten war.

Jörg Krämer Lehman hat den Abschwung sicher verschärft, aber es war schon vorher sichtbar, dass die Konjunktur kippt. Spanien etwa ist wohl schon im Sommer in die Rezession gerutscht, in Deutschland verzeichnen wir etwa beim Ifo-Index bereits seit vier Monaten kräftige Rückgänge.

Stefan Schilbe Wir hatten in der Euro-Zone den „perfekten Sturm“: schwaches Wachstum in den USA und Großbritannien, Kaufkraftentzug durch die Preisexplosion bei den Rohstoffen, der teure Euro und der sich verschlechternde Kreditzugang. Die Krise hat sich mit Lehman zugespitzt.

Stark Ich habe den aktuellen Stand beschrieben, die Verschärfung der Krise. Fürs Euro-Gebiet insgesamt können wir erst seit sechs, sieben Wochen von einer Krise sprechen.

FTD Wie schlimm wird es nun?

Stark Die Erwartung, dass wir gegen Jahresende eine Erholung sehen, ist geschwunden. Wir werden bis deutlich ins Jahr 2009 hinein sehr niedriges Wachstum haben. Wir dürfen die jetzige Situation nicht mit früheren Abschwüngen vergleichen, diesmal ist die Situation doch gravierender: Die Probleme im Bankensektor haben dramatische Auswirkungen, mit denen wir teils Jahre zu tun haben werden. Dazu kommen Probleme in Schlüsselindustrien, gerade im Automobilsektor.

FTD Wenn Sie das geahnt hätten, hätten Sie trotzdem im Juli noch mal den Leitzins angehoben?

Stark Ich hätte nicht gedacht, dass wir hier Vergangenheitsbewältigung betreiben – aber gut: Wir hatten im August 2007 ein Signal gegeben, dass der Leitzins weiter erhöht werden könnte. Das war nie vom Tisch. Ende Mai, Anfang Juni war die Datenlage dann so, dass ein weiterer Schritt unumgänglich war. Es gab klare Signale, dass sich Zweitrundeneffekte verstärkten.

FTD Und nur wenige Wochen später ist alles anders, und der Zins sinkt?

Stark Die Situation hat sich dramatisch geändert. Der Druck von den Rohstoffpreisen hat sich deutlich verringert. Gleichzeitig hat sich die wirtschaftliche Dynamik so abgeschwächt, dass wir wahrscheinlich in den nächsten Quartalen kaum Zweitrundeneffekte sehen werden.

Krämer Ich kann der EZB nur Respekt zollen: Sie hat klargemacht, dass sie ihr Ziel Preisstabilität sehr ernst nimmt – und der Schritt ist nicht schuld an unserer Lage.

FTD Nicht der Schritt, aber der harte EZB-Kurs hat die Dreimonatszinsen nach oben schießen lassen und den Euro erheblich verteuert.

Stark Lassen Sie mich dazu eines sagen: Es geht um Vertrauen und darum, was unser Auftrag ist. Ich bin froh, dass wir im EZB-Rat nicht zwischen zwei oder gar drei Zielen entscheiden müssen.

FTD Wie kommen wir aus der Rezession wieder heraus?

Stark Über allem schwebt ein Vertrauensproblem. Ein erster wichtiger Schritt wäre es, wenn einige Banken wieder gegenseitig Vertrauen gewinnen würden. Aber wir werden sicher eine lange Phase sehr flachen Wachstums haben und eine sehr langsame Erholung.

FTD Kann sich Deutschland dem Trend nicht widersetzen?

Schilbe Deutschland steht strukturell sicher besser da als andere: Wir haben an Wettbewerbsfähigkeit gewonnen und etwa eine hohe Sparquote, die auch mal wieder etwas zurückgefahren werden und den Konsum stützen könnte.

Andreas Rees Ich glaube nicht, dass wir uns im Abschwung besser schlagen oder früher herausfinden können. Wir werden über die Exporte stark vom weltweiten Abschwung getroffen. Und die Hoffnung auf den Konsum hab ich, ehrlich gesagt, längst aufgegeben.

Stark Es ist wenig wahrscheinlich, dass auf absehbare Zeit viel vom Konsum kommt. Die Investitionen dürften von den schärferen Kreditvergabestandards belastet werden. Auch die Exporte werden negativ betroffen sein, weil der Welthandel deutlich an Schwung verliert.

FTD Aber was ist mit den Agenda-Reformen? Helfen sie gar nicht?

Stark Festzuhalten ist, dass das Arbeitsvolumen dank der Reformen zum ersten Mal seit den 90er-Jahren in einem Aufschwung gestiegen ist. Das ist schon eine strukturelle Verbesserung. Wie sich die Reformen im Abschwung auswirken, bleibt abzuwarten.

Jürgen Michels Bei der Diskussion muss man aufpassen. Gerade als die Reformen auf den Konsum hätten durchwirken können, kamen die Schocks von außen dazwischen.

Rees Ich sehe die Gefahr, dass die Volatilität der Konjunkturzyklen zunimmt. Durch die Zeitarbeit haben wir im Aufschwung einen positiv wirkenden verstärkenden Effekt, im Abschwung können die Leute aber auch leichter entlassen werden. Dennoch denke ich, dass das Trendwachstum durch die Reformen zugenommen hat.

FTD Die EZB hat weitere Zinssenkungen angekündigt. Kann das im aktuellen Umfeld noch helfen?

Stark Es kann helfen zu signalisieren, dass wir bereit sind, in dieser Situation alle Instrumente, die wir zur Verfügung haben, zu nutzen – und das zentrale Instrument ist das zinspolitische, wenn dies unser Mandat erlaubt. Sicher funktioniert der geldpolitische Transmissionsmechanismus derzeit nicht vollständig. Aber mit einer schrittweisen Normalisierung der Lage an den Geldmärkten bin ich sicher, dass unsere letzte Zinssenkung durchwirkt und einen positiven Beitrag gegenüber dem Finanzsektor und der Realwirtschaft leistet.

FTD Sehen Sie die Gefahr einer Deflation, wie einige Experten?

Stark Wenn Sie die enormen Schwankungen des Ölpreises sehen, kann die Inflationsrate wegen Basiseffekten schon mal für ein, zwei Monate im negativen Bereich sein. Negative Inflationsraten sind für mich aber keine Deflation im Sinne einer Abwärtsspirale des allgemeinen Preisniveaus, die auch die Realwirtschaft trifft. Ein solches Szenario droht sicher nicht.

FTD Sollten Notenbanken ein Mandat für Finanzstabilität haben?

Stark Im EG-Vertrag ist geregelt, dass das Euro-System zur Finanzstabilität „beitragen“ soll. Ich bin gegen ein explizites Mandat für Finanzstabilität. Das würde die Zuständigkeiten verwischen, und alle anderen Verteidigungslinien, wie etwa die Selbstkontrolle der Marktes, würden in sich zusammenfallen. Stellen Sie sich vor, wenn die aktuelle Finanzkrise in einem Umfeld allgemeiner Preisinstabilität stattfände – unser bester Beitrag zur Finanzstabilität bleibt die Sicherung eines stabilen Preisniveaus.

Aus der FTD vom 05.11.2008
© 2008 Financial Times Deutschland, © Illustration: Bloomberg

Advertisements

Sorry, the comment form is closed at this time.

 
%d Bloggern gefällt das: