Chronologie der Krise

Wie aus einer Immobilienblase eine Weltwirtschaftskrise wurde…

Bankenkrise: Die Rolle der Notenbanken

Posted by hw71 - 8. September 2007


In der aktuellen Printausgabe der FAZ, aber auch unter FAZ.net findet sich heute folgender Artikel, der einige interessante Informationen enthält:

Die Notenbanken sollen entschlossen reagieren

Von Bettina Schulz. London

07. September 2007
Nach der Liquiditätszufuhr der führenden Notenbanken in dieser Woche warten Marktteilnehmer nun mit Spannung darauf, ob sich die extrem angespannte Lage am Interbanken-Geldmarkt legt. Entscheidend wird vor allem die Reaktion des Marktes in der kommenden Woche sein, wenn die Europäische Zentralbank (EZB) ein Refinanzierungsgeschäft mit dreimonatiger Laufzeit ausschreiben wird, um nicht nur den Tagesgeldzins, sondern auch den extrem hohen Satz für Dreimonatsgeld etwas einzufangen.

Seit Ausbruch der Krise am amerikanischen Hypothekenmarkt und den Turbulenzen um die IKB Deutsche Industriebank sind die Sätze, die Banken im Interbankenmarkt voneinander für Geldleihe verlangen, außergewöhnlich stark über den Leitzins der Notenbanken hinausgeschossen. Dies zeigt, dass sich die Liquidität am Markt akut verknappt hat. Nachdem in dieser Woche die Federal Reserve in Washington, die Bank von England und vor allem aber die EZB kurzfristig Liquidität in den Markt pumpten, sanken die Tagesgeldzinssätze wieder etwas. Vor allem der Euro-Libor Tagesgeldsatz fiel erstmals seit dem 28. August wieder unter den EZB-Leitzins von 4 Prozent.

„Während die Krise anhält, verschärft sie sich“
Wie unwillig die Geschäftsbanken jedoch sind, anderen Kreditinstituten über einen etwas längeren Zeitraum Geld auszuleihen, zeigt sich daran, dass der Satz für Dreimonatsgeld weiter ungewöhnlich hoch ist. In Großbritannien ist er mit 6,89 Prozent sogar über den Strafzins von 6,75 Prozent gestiegen, den die Bank von England für Finanzierungsgeschäfte über ihre Notfallkreditlinie berechnet.

Marktteilnehmer in Europa fordern mittlerweile, dass die Notenbanken wesentlich drastischer eingreifen sollten, um die anhaltende Krise am Geldmarkt zu überwinden. „Während die Krise anhält, verschärft sie sich, weil sie auf andere Marktsegmente übergreift. Dies heißt, die Zentralbanken müssen intensiver handeln“, warnt Dresdner Kleinwort. Auch bei Barclays Capital heißt es, die Gefahr sei groß, dass über die derzeit völlig verzerrten Geldmarktsätze auch die Liquidität an den Swap- und Devisenterminmärkten austrockne, weil diese Märkte über die Referenz zu den Geldmarktsätzen (Libor und Eonia) direkt an den Geldmarkt gekoppelt seien.

Sind Zinssenkungen als Ansporn für Banken geeignet?
Barclays Capital hingegen meint, Zinssenkungen seien nicht geeignet, um die Banken anzuspornen, einander mehr Geld auszuleihen. Trotz der Bereitschaft, den Märkten zusätzliche Liquidität bereitzustellen und zunächst auf ursprünglich geplante Zinserhöhungen zu verzichten, müssten die Notenbanken aber auch andere Maßnahmen für eine Entspannung am Geldmarkt ergreifen. „Je nachdem, wie sich die Krise entwickelt, wird die Europäische Zentralbank die bei Geldmarktgeschäften verlangten Sicherheiten anpassen müssen“, heißt es bei Goldman Sachs. Nach der Federal Reserve reagierte am Donnerstag die australische Notenbank und verkündete, sie werde für Geldmarktoperationen als Sicherheit nun auch mit Hypotheken besicherte Wertpapiere und forderungsbesicherte Commercial Paper (ABCP) akzeptieren.

„Angesichts einer solchen Krise sollte gelten: Alles, was sich irgendwie bewerten lässt, sollte als Sicherheit für Geldmarktgeschäfte, vor allem für die Notfallkreditlinie, akzeptiert werden“, sagt Willem Buiter, Professor an der London School of Economics European Institute. Wenn sich derzeit keine Marktpreise finden ließen, müsse die Notenbank selbst einen Preis mit Abschlag festlegen. Die Notenbanken müssten Banken auch einräumen, sich im Notfall nicht nur über Nacht, sondern bis zu 30 Tage zu refinanzieren.

„Es könnte zu einer ernsten Kreditklemme kommen“
Barclays Capital fordert, möglicherweise müssten gar die Vorschriften für die Eigenkapitalunterlegung kurzfristig gelockert werden. Zahlreiche Banken müssen derzeit nämlich mit eigener Liquidität einspringen, um die von ihnen aufgesetzten Zweckgesellschaften (Conduits) zu finanzieren. Die Branche hat nach Angaben von Barclays Capital einen Finanzierungsumfang von 1,4 Billionen Dollar, der normalerweise über forderungsbesicherte Commercial Papers beglichen wird. Da diese jedoch am Markt derzeit kaum abgesetzt werden können, müssen die Banken einspringen, ihre Conduits selbst finanzieren und damit auf die Bilanz nehmen.

Diese Verlängerung der Bilanz muss freilich finanziert werden. Die Banken tun dies, in dem sie überschüssige Liquidität nicht mehr an den Markt abgeben, was zu den derzeit so extrem hohen Geldmarktsätzen führt. Wollen sie zusätzlich zur Finanzierung ihrer Zweckgesellschaften neues Kreditgeschäft tätigen, müssten sie möglicherweise nach derzeitigen Eigenkapitalanforderungen Kapital aufnehmen oder Anlagepositionen verkaufen, warnt Barclays Capital. „Sollten die Eigenkapitalanforderungen also unverändert beibehalten werden, könnte es in nächster Zeit, wenn sich die Banken refinanzieren müssen, zu einer ernsten Kreditklemme kommen“, warnt die britische Bank.

„Gefahr, dass Banken in die Insolvenz schlittern“
Barclays Capital fordert zudem, dass die Krise am Geldmarkt schnell gelöst werden müsse. Derzeit gibt es zahlreiche Banken, die sich nur noch tagesweise am Markt refinanzieren können. „Keine Bank kann aber effizient funktionieren, wenn sie gezwungen ist, sich jeden Tag aufs Neue Geld zu beschaffen“, warnt Barclays Capital. „Wenn die Klemme am Geldmarkt nicht gelöst wird, werden die Volkswirtschaften letztlich einer Situation ausgesetzt sein, die einer extrem restriktiven Geldpolitik gleichkommt. Die Gefahr ist, dass Banken in die Insolvenz schlittern“, warnt Barclays Capital.

„Die Situation am Geldmarkt signalisiert, dass die Notenbanken auf einige Zeit hinaus viel umfangreichere Maßnahmen ergreifen müssen, um Liquidität bereitzustellen“. Nur wenn der Geldmarkt wieder liquide werde und das Thema der Eigenkapitalvorschriften rechtzeitig gelöst werde, könne die Weltkonjunktur unbeschadet aus der derzeitigen Krise hervorgehen.

Text: F.A.Z., 08.09.2007, Nr. 209 / Seite 21
Bildmaterial: F.A.Z.

Zusammenfassung:

  • mit der bisherigen Liquiditätszufuhr der Notenbanken, die vorwiegend nur eine kruze Laufzeit hatte und innerhalb weniger Tage wieder zurückgezahlt werden musste, konnten zwar die (Tagesgeld-) Zinsen für kurzlaufende Kredite im Interbankenmarkt wieder gesenkt werden – die Zinssätze für langlaufende Kredite (>= 3 Monate) liegen aber nach wie vor über den Leitzinsen der Zantralbanken
  • aus diesem Grund startet die EZB kommende Woche ein Refinanzierungsgeschäft über 3 Monate, um auch diese Zinsen wieder zu senken
  • bisher wurde als Grund dafür, dass die Banken untereinander Geld nur noch gegen höhere Zinsen verleihen, immer wieder das Misstrauen bzgl. Engagement im US Subprime Geschäft genannt: keine Bank weiß, wie tief die andere Bank im Subprime-Sumpf engagiert ist – und wie diese Investments als Sicherheit zu bewerten sind
  • ein weiterer Grund, der mir persönlich ebenfalls einleuchtend scheint, ist, dass die Banken das Geld anderweitig benötigen – nämlich um ihre Conduits rauszukaufen
  • es gibt offensichtlich zahlreiche Banken, die sich momentan tagtäglich auf’s neue Geld beschaffen müssen
  • die Notenbanken werden daher aufgefordert, längerfristige Maßnahmen zu ergreifen, da sonst weitere Bankenpleiten folgen werden
  • darüber hinaus fangen wohl immer mehr Zentral-Banken an, im Rahmen von Geldmarktoperationen auch mit Hypotheken besicherte Wertpapiere (Mortgage Backed Securities, MBS) zu akzeptieren!
  • darüberhinaus wird es mit jedem weiteren Tag schwieriger, ein Übergreifen der Krise auf andere Bereiche zu verhindern
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