Chronologie der Krise

Wie aus einer Immobilienblase eine Weltwirtschaftskrise wurde…

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Junge Welt: "Neue Etappe der Finanzmarktkrise"

Verfasst von hw71 am 8. November 2007

Gefunden bei jungewelt.de mit Informationen zu den „neuen“ Bilanzierungsmethoden (dazu folgt später nochmal ein weiterer Artikel) und zu Derivaten (Hervorhebungen von mir hinzugefügt):

07.11.2007 / Kapital & Arbeit / Seite 9
Zocker in Not
Die Turbulenzen der Citigroup markieren den Start einer neuen Etappe der Finanzmarktkrise. US-Notenbank plant Auffangfonds
Steffen Bogs

Die Kreditkrise frißt ihre Väter. Der Chef der Citigroup, Charles Prince, ist nach Stan O’Neal, Geschäftsführer von Merrill Lynch, bereits der zweite prominente Lenker eines großen Finanzkonzerns, der seinen Hut nehmen mußte. Nachdem die Citigroup für das dritte Quartal 2007 Abschreibungen in Höhe von 6,5 Milliarden Dollar vornehmen mußte, kommen nunmehr weitere elf Milliarden dazu. Damit gilt mittlerweile auch offiziell fast ein Fünftel des auf 100 Milliarden Dollar geschätzten Engagements der Bank in sogenannten Structured Investment Vehicles (SIVs) als verloren.

Totalausfälle möglich
Auslöser der jüngsten Turbulenzen rund um die größte Geschäftsbank der Welt war die Studie einer Analystin der renommierten kanadischen Rating­agentur CIBC World Market. Deren Herabstufung des Konzerns aufgrund der dramatisch verschlechterten Eigenkapitalquote löste eine Verkaufslawine bei den Aktien des Unternehmens aus.

Über 30 Milliarden Dollar soll die Kapitallücke als Folge von möglichen Abschreibungen aus den Kreditverbriefungen betragen. Die Citigroup läuft damit Gefahr, die Mindestanforderungen für Eigenkapitaldeckung nicht mehr zu erfüllen. Die milliardenschweren Ausfallrisiken sind dabei keineswegs nur auf einer Baustelle entstanden. Außer bei Kreditverbriefungen wittern Analysten auch beträchtliche Probleme bei Kreditkartenschulden und der Finanzierung von Firmenübernahmen.

Der faulste Fisch sind aber die Derivate. Dabei handelt es sich um Finanzinstrumente, deren Preise sich nach den Kursschwankungen oder den Preiserwartungen anderer Investments richten. Derivate sind so konstruiert, daß sie die Schwankungen der Preise dieser Anlageobjekte – z.B. Rohstoffe – überproportional nachvollziehen. Daher lassen sie sich sowohl zur Absicherung gegen Wertverluste als auch zur Spekulation auf Kursgewinne in bestimmten Zeiträumen verwenden.

Bei diesen Papieren ist die Citigroup nach der JP Morgan Chase Bank der weltweit zweitgrößte Player auf dem Markt. Das Derivatevolumen der Citigroup beträgt gigantische 34,8 Billionen Dollar – das 2,5fache des nominalen Bruttoinlandsproduktes der USA. Allein 2,93 Billionen Dollar beträgt die Summe der besonders risikoreichen Kreditderivate, denn dort sind Totalausfälle stets im Bereich des Möglichen.

Das Problem dabei ist der mehrstufige Transfer der Kreditrisiken im Finanzsystem. Da natürlich alle Marktteilnehmer mitverdienen wollen, geht die Schere zwischen den ursprünglichen Kreditsummen und dem vermeintlichen Wert dieser Kredite immer weiter auseinander. Die Kredite wurden von den Banken als Kreditverbriefungen verpackt und verschachtelt. Im Jahr 2006 erreichten Neuemissionen derartiger Zertifikate ein Volumen von 2,64 Billionen Dollar, im ersten Halbjahr 2007 waren es noch einmal 1,39 Billionen. Aufgrund der mitterlerweile überdeutlich gewordenen Ausfallrisiken brach der Markt anschließend zusammen. Bei Merrill Lynch sank der Umsatz im dritten Quartal 2007 im Vergleich zum Vorjahresquartal um 94 Prozent. Kreditverbriefungen im Nominalwert von mehreren Billionen Dollar sind zur Zeit nicht handelbar, es ist kein Marktpreis abrufbar.

Kreative Buchführung
Mit der sogenannten Level-3-Methode bei der Bilanzierung konnten die Banken bisher das wahre Ausmaß der Verluste verschleiern. Level 3 bedeutet, daß die Banken ihre nicht handelbaren Papiere selbst willkürlich bewerten können, und davon wird ordentlich Gebrauch gemacht. So hat Goldman Sachs insgesamt 72 Milliarden Dollar nach Level 3 bewertet. Dies sind zwar nur acht Prozent der Bilanzsumme, aber bei lediglich 36 Milliarden Dollar Eigenkapital ein enormes Risikopotential. Dieses Gebaren wird von allen wichtigen Banken der Wall Street gepflegt. Lehman Brothers bewertet möglicherweise komplett wertlose Papiere mit 22, JP Morgan Chase mit 60 und Bear Stearns mit 20 Milliarden Dollar.

Längst ist die US-Notenbank FED zum unverzichtbaren Rettungsboot für die Zocker an der Wall Street geworden. Auch am vergangenen Donnerstag reagierte die FED auf die Citigroup-Turbulenzen und pumpte zusätzliche Liquidität in Höhe von 41 Milliarden Dollar in den Markt – die mit Abstand größte Einzelintervention seit Beginn der Kreditkrise. Ferner basteln die Staatsbanker an einer Art Superfonds namens Master Liquidität Enhancement Conduit (M-LEC) mit. Dieser soll die nichthandelbaren Papiere der Banken aufnehmen, damit sie aus den Bilanzen erst mal verschwinden können. Die Institute sollen ihre wertlosen Vermögenswerte dort zu ursprünglichen Marktpreisen abladen können und nur für zehn Prozent des Nominalwertes haften. Dies kommt einer gigantischen Schuldenübernahme durch die FED, letztlich also durch den Steuerzahler, gleich. Der wird dafür über kurz oder lang vermutlich in Form einer steigenden Inflationsrate zur Kasse gebeten.

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Begriffe und Abkürzungen

Verfasst von hw71 am 26. September 2007

Da es immer wieder zu Verwirrung führt:
1 US Billion = 1 Milliarde
1 US Trillion = 1 Billion


A

ABA – American Bankers Association

ABS – Asset Backed Securities
gebündelte Kredite von Kreditkarten, Autos etc, die in Bonds (Anleihen) gepackt wurden.

ARM – Adjustable Rate Mortgage
Eine Hypothek, deren Zins während der Laufzeit an einen Indexzins (beispielsweise LIBOR) angepasst wird. Die Anpassung erfolgt alle sechs oder zwölf Monate. Meist regeln Vertragsbestimmungen, wie stark der Zins maximal angepasst werden kann oder wie oft der Zins insgesamt angepasst werden darf. Abhängig von der Bonität des Schuldners liegt der tatsächlich zu zahlende Zins über dem Indexzins. Dieser Unterschied wird in der Regel mehrere Prozentpunkte ausmachen.

C
CDO – Collateralized Debt Obligations
Kreditderivate, die auf einem Investmentpool basieren. Dieser setzt sich aus Anleihen zusammen. Die Investmentbanken zerlegen den Pool in Tranchen mit unterschiedlichen Risiken – und reichen sie an Investoren weiter. Das Wachstum solcher Derivate ist enorm: Zwischen 2003 und 2006 hat sich das Handelsvolumen auf 503 Mrd. $ mehr als verfünffacht.

CLO – Collateralized Loan Obligations
Kreditderivate, die auf einem Darlehenspool basieren. Die Investmentbanken zerlegen den Pool in Tranchen.

F
Fannie Mae
Ursprünglich Federal National Mortgage Association, eine quasi-öffentliche Institution, deren Auftrag die Förderung des Erwerbs von Wohneigentum in den USA ist. Formal ist Fannie Mae eine Aktiengesellschaft, aufgrund ihrer besonderen Geschichte und Rolle im Immobilienmarkt wird allerdings vielfach davon ausgegangen, dass das Unternehmen eine Garantie des Staates genießt. Fannie Mae und Freddie Mac fördern den Erwerb von Wohneigentum, indem sie den Hypothekenbanken Kredite abkaufen und so Spielraum für neue Kreditschöpfung schaffen. Auf der Passivseite emittiert Fannie neben Unternehmensanleihen Mortgage-backed Securities (MBS), d.h. Anleihen, die durch Hypotheken und letztendlich die entsprechenden Häuser besichert sind.

Freddie Mac
Ursprünglich Federal Home Loan Mortgage Corporation, eine Institution wie Fannie Mae.

FRM – Fixed-Rate Mortgage
Eine Hypothek mit über die Laufzeit – in der Regel 30 Jahre – reichenden festen Zinsen. In den USA hat der Schuldner ein einseitiges, vorzeitiges Kündigungsrecht, das verglichen mit Deutschland mit sehr niedrigen Kosten verbunden ist. Das Standardprodukt am US-Hypothekenmarkt ist eine 30-jährige FRM. Wegen des Kündigungsrisikos sind FRMs aber im Schnitt teurer als ARMs, da die Hypothekenbanken für das Risiko entschädigt werden müssen.

G
GDP – Gross Domestic Product => Bruttoinlandsprodukt

H
Hybrid Mortgage
Eine Zwitterkonstruktion zwischen variabel und festverzinslicher Hypothek. Eine gängige Version ist beispielsweise „2/28″: Für die ersten zwei Jahre ist der Zins fixiert, für die nächsten 28 Jahre wird er alle sechs oder zwölf Monate an einen Indexzins angepasst.

HELO – Home Equity Loan

L
LIBOR – London Interbank Offered Rate => regarded risk-free investment made on overnight loans; normalerweise geringe Volatilität, aber am 9.8. von 5,35% auf 5,86% gestiegen.

LTV – Loan To Value => Beleihungswert; bei Hypotheken das Verhältnis von Kreditsumme zu Immobilienwert

M
MBS – Mortgage-backed Securities
Ein Oberbegriff für alle Wertpapiere, die mit Hypotheken bzw. der entsprechenden Immobilie als Sicherheit unterlegt sind. RMBS sind MBS, die sich auf Wohneigentum stützen.

MEW – Mortgage Equity Withdrawal
Eine zusätzliche Beleihung von bestehendem Wohneigentum. Es wird vielfach davon ausgegangen, dass diese Entwicklung eine wichtige Stütze des privaten Konsums in den USA war, und es den Haushalten erlaubt hat, ihre Sparquote immer weiter herunter zu fahren. Aktuell ist dieser Effekt weitgehend ausgelaufen. Von Spitzenwerten von 550 Mrd. $ (Jahresrate) im dritten Quartal. 2005 ist MEW bis zum ersten Quartal 2007 auf 43 Mrd. $ gefallen.


N
NAHB-Index
Stimmungsbarometer der National Association of Homebuilders, der nationalen Organisation der Wohnungsbauunternehmen. In einer monatlichen Umfrage werden die aktuelle Lage und die Erwartungen der Branche hinsichtlich der Entwicklung in den kommenden sechs Monaten abgefragt.

NAR – National Association of Realtors
Dachverband der amerikanischen Immobilienmaklerbranche. Veröffentlicht regelmäßig Daten zum Immobilienmarkt.

Nonfarm Payrolls
Arbeitsplätze außerhalb der Landwirtschaft

P
Pending Home Sales – noch nicht abgeschlossene, aber bereits vertraglich fixierte Immobilienverkäufe

Prime Mortgage
Hypothek, deren Schuldner über erstklassige Bonität verfügt. Das heißt: Personen mit ausreichenden Vermögens- und Einkommensverhältnissen. Die Schuldner müssen über einen hohen Kredit-Score verfügen und eine entsprechende Anzahlung leisten können. Der Prime-Markt macht rund 75 Prozent des gesamten Hypothekenbestands aus und besteht hauptsächlich aus festverzinslichen Hypotheken.

R
REITs – Real Estate Investment Trusts

Mortgage-REITs – spezielle Gruppe von REITs

REO – bank Real Estate Owned => Immobilien, die aufgrund säumiger Kreditzahlungen wieder an die Bank zurückgegangen sind

RI – Residential Investment

S
Subprime Mortgage
Hypothek, deren Schuldner nicht über erstklassige Bonität verfügt. Ursache hierfür können zum Beispiel sein: vergangene Fälle von Zahlungsverzug, Insolvenz oder Zwangsversteigerung, ein niedriger Kredit-Score bei der Bewertung durch ein Kreditbüro oder ein Verhältnis von Tilgungszahlungen zu monatlichem Einkommen von mehr als 1:2. Im Subprime-Markt sind variabel verzinste Hypotheken und andere „exotische“ Optionen deutlich weiter verbreitet als im Prime-Markt. Subprime-Hypotheken machen derzeit rund 14 Prozent des gesamten Hypothekenbestands aus.

T
Teaser Rate
Im Rahmen einer variabel verzinsten oder Hybrid-Hypothek eingeräumter niedriger Anfangszins, der als Lockangebot fungiert. Nach dem Auslaufen kann der zu zahlende Zins dann erheblich steigen. Vor allem im Subprime-Segment wurde diese Konstruktion viel verwendet und – besonders problematisch – die Bonitätsprüfung oft nur auf Basis der Belastung durch die niedrige Teaser rate vorgenommen.

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"Wirtschafts-Woche": Artikel über Finanzkrise und Geldanlage…

Verfasst von hw71 am 28. August 2007

Interessant – in Ausgabe 35/2007 der Wirtschaftswoche von heute erschien ein Artikel, wie man in der aktuellen Finanzkrise sein Geld am besten anlegen sollte. Das ganze ist sehr lesenswert, da hier nochmal die Hintergründe einfach verständlich erklärt werden.

Ein kleiner Auszug daraus stimmt allerdings nachdenklich:


Manchem Banker gehen ganz allmählich die Nerven durch:

„Gold- und Silber kaufen, Bargeldbestände sichtbar aufstocken (echtes Bargeld, keine Einlagen auf Girokonten), Lebensmittelvorräte aufbauen, Spritvorräte für das Auto anlegen, Heizöltanks füllen, langlaufende Bonds verkaufen und höchstens zweijährige Anleihen (nur Staatsanleihen!!!) halten.“

Der Absender dieser Katastrophen-Email ist kein Science-Fiction-Autor, er ist Manager einer Großbank. Die Mail schickte er am vergangenen Samstag an Freunde und Investoren. Und der Anlass seiner Warnung ist kein vermeintlich drohender Atomkrieg – sondern die Finanzmarktkrise, die ausgehend von den USA immer weitere Kreise zieht.

Kein Sprit, kein Geld, kein Essen: Ganz so schlimm wird es nicht kommen. Aber die Krisenangst hat einen ganz realen Grund: Banken geben sich untereinander kaum noch Kredite, biedere deutsche Geldinstitute gehen unter der Last fauler US-Kredite in die Knie. Die Infektion von Sparkassen und Landesbanken durch den Virus legt die Schwächen des deutschen Bankensystems gnadenlos offen. Unternehmen kommen schwieriger an Geld, Hedgefonds melden hohe Verluste. Notenbanken wie die Fed sehen sich gezwungen, per Zinssenkung die Börsen zu stützen und pumpen Milliarden in den Markt.

Das Problem hierbei ist natürlich, das man solche „Warnungen“ von Bankmitarbeitern an Freunde und Familie nicht nachprüfen kann. Von daher: mit Vorsicht geniessen!

Unabhängig davon: es kann sicherlich nicht schaden, ein wenig mehr Bargeld zu Hause zu lagern, als sonst üblich. Wenn die Sache „ausgestanden“ ist (und, wie ich imme rnoch hoffe „nichts“ passiert ist), kann man ja alles wieder auf’s Konto packen. Anders sieht es mit Gold und Silber aus: dort läuft man leider Gefahr, einen Wertverluste zu erleiden, falls man jetzt grössere Summen investiert und die Edelmetalle wieder fallen.

Tatsache ist jedoch, dass ich mittlerweile die ganzen Leserzuschriften, die auf W. Eichelburg’s Seite www.hartgeld.com zu finden sind und bei denen es um die Silberknappheit geht, (leider) bestätigen kann:

  • auch bei einem grösseren Edelmetall-Händler in Frankfurt gibt es bis voraussichtlich Mitte September keine Silbermünzen mehr zu kaufen
  • Silberbarren sind noch vorhanden
  • Goldmünzen sind ebenfalls kein Problem
  • der Andrang hat in den vergangenen Wochen nach Aussage der Verkäuferin enorm zugenommen!

Bisher hatte ich nie Probleme, bei o.g. Händler ein paar Silbermünzen zu bekommen – gestern hiess es dann das erste Mal: leider nichts mehr da!

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