Deutschland: Karstadt-Gläubigerversammlung stimmt Sanierungsplan zu
Verfasst von hw71 am 13. November 2009
… allerdings werden zuerst sechs Karstadt-Häuser geschlossen – elf weitere stehen auf der „Prüfliste“.
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Sanierung
Karstadt soll leben
Von Annika Joeres
Essen. Für Hans-Dieter Friedrich ist die Gläubigerversammlung von Karstadt „eine bittere Veranstaltung“. Der Traditionskonzern, sagt der 61-Jährige aufgebracht, schuldet ihm „unbesorgte Rentnerjahre“. Friedrich ist einer von rund 700 Gläubigern, denen am Dienstag in Essen der erste Sanierungsplan vorgelegt wurde. Der hagere Mann verließ im vergangenen Dezember nach 21 Jahren freiwillig seinen Job im Archiv der Essener Hauptverwaltung. Die ausgehandelte Abfindung über 15000 Euro hat er bis heute nicht erhalten. „Altgediente Mitarbeiter gehen in der Insolvenz unter“, sagt er erregt.
Nicht nur Frührentner Friedrich ist betroffen. Deutschlands Innenstädte werden die Karstadt-Pleite bald spüren: Insolvenzverwalter Klaus-Hubert Görg gab auf der Versammlung in der spärlich besetzten Grugahalle erste Schließungen von Karstadt-Häusern bekannt. So werden das „Haus am Dom“ in München, die Filiale im Elbe-Einkaufscenter in Hamburg und das Geschäft in der Kampstraße in Dortmund schon zum Jahresbeginn 2010 geschlossen. Auf der schwarzen Liste stehen auch drei Fachmärkte: Schaulandt in Braunschweig, WOM in Stuttgart sowie ein Karstadt-Multimedia in Berlin. Die rund 500 betroffenen Beschäftigten wurden zeitgleich mit den Gläubigern informiert.
Nun geht in vielen weiteren Filialen der schwarze Peter um: Noch einmal elf Häuser stehen auf der Prüfliste. Diese sind allerdings „aus Schutz“ für die Betroffenen noch nicht namentlich bekannt. „Das Ziel ist ihre Fortführung“, so Görg. Insgesamt malte er ein positives Bild der einst größten Warenhauskette Deutschlands: Täglich werde Umsatz gemacht, Geld für die laufenden Ausgaben sei vorhanden. Und das Weihnachtsgeschäft könnte noch einen größeren Schub bringen.
Wie auch insgesamt der Karstadt-Konzern weitergeführt werden soll. „Eine Zerschlagung des Unternehmens ist zu verlustreich“, sagte Helmut Balthasar, der zum Konkurs-Team von Görg gehört. Deshalb soll nun in einem Insolvenzplan die Karstadt AG insgesamt fit gemacht werden für einen Verkauf. „Dies gelingt aber nur, wenn vom Vermieter bis zum Beschäftigten alle nennenswerte Beiträge zur Rettung leisten,“ so der Handelsmann.
Die Gläubiger in der spärlich besetzten Grugahalle waren zunächst skeptisch, stimmten aber schließlich zu fast 100 Prozent für Görgs Sanierungsplan. Von der größten Insolvenz in der deutschen Wirtschaftsgeschichte sind mehr als 33 000 Personen betroffen. Darunter finden sich Mitarbeiter, die auf ihren Lohn oder Weihnachtsgeld warten, Lieferanten, die noch kein Geld für ihre Produkte bekommen haben oder Coaches, deren Kurse nicht beglichen wurden. Einige Kreditgeber haben schon einen Teil ihres Geldes erhalten, andere werden es möglicherweise nie bekommen.
„Die Produkte in den Kaufhäusern gehören im Prinzip noch uns“, so der Anwalt einer Kosmetikherstellerin. Karstadt schulde seiner Mandantin 500 Millionen Euro für längst gelieferte Ware. „Die größte Angst von uns ist, dass unsere Luxusprodukte bei einem Ausverkauf als Ramsch angeboten werden.“ Deswegen sei eine Sanierung alternativlos.
Zur Sanierung sind auch niedrigere Mieten notwendig. Denn die Immobilien in häufig bester Lage der Innenstädte wurden vom früheren Arcandor-Chef Thomas Middelhoff zu rund 70 Prozent an das Highstreet-Konsortium verkauft, dem vor allem Fonds von Goldman Sachs und der Deutschen Bank angehören. Weil es nur einen Mietvertrag für alle Häuser gibt, können nicht einzelne Standorte gekündigt werden. Die Verhandlungen über zukünftig niedrigere Mieten seien weit fortgeschritten, so Görg.
Ging es am Montag noch um ein organisatorisches Konstrukt, nämlich die Arcandor-Holding, die seit zehn Jahren über Karstadt, Quelle und Primondo schwebte, wurde am Dienstag das Herz des Essener Konzerns verhandelt. Karstadt wurde bereits 1881 aufgebaut und habe „ein denkwürdiges Alter“ erreicht, sagt Insolvenzverwalter Görg. Der Gründer Rudolph Karstadt hatte noch für die damalige Zeit revolutionäre Ideen: Er führte die sofortige Zahlung ein und schaffte das Feilschen an der Kasse ab.
Die vergangenen Jahrzehnte aber schrammte Karstadt offenbar immer wieder nur knapp an einer Pleite vorbei. „Seit den 1990ern Jahren gelang es nicht mehr, wettbewerbsfähige Warenhauskonzepte zu entwickeln“, so Görg. Auch jetzt liegt noch keine ausgereifte Idee auf dem Tisch. Die soll dann der neue Investor liefern, auf den Görg ebenso setzt wie die Mitarbeiter.
Gesamtbetriebsratsvorsitzender Hellmut Patzelt hat mit der Belegschaft erst am Wochenende ein Sparpaket von 150 Millionen Euro beschlossen, unter anderem über den Verzicht auf Urlaubsgeld und Teile des Weihnachtsgeldes. Es ist das dritte Sparpaket innerhalb von vier Jahren. „Das schmerzt uns sehr“, so Patzelt. Aber das erneute Zugeständnis zeige: „Wir haben die Hoffnung auf ein Warenhaus in den Innenstädten.“
Dies müssen auch die Gläubiger haben. Sie beauftragten Görg, erneut einen Plan auszuarbeiten und Investoren zu finden. Dem Verkauf einzelner Häuser oder auch einer Gruppe von Häusern erteilte der Insolvenzverwalter zunächst eine Absage. Gespräche mit dem Konkurrenten Metro, der schon lange die rund 60 lukrativsten Häuser aufkaufen möchte, habe man daher bislang noch nicht geführt. Dazu ist es wohl noch viel zu früh. „Aktuell ist das Ding nicht viel wert“, sagt Kaufmann Balthasar. „Aber in der Zukunft hat Karstadt noch ein großes Potenzial.“