USA: US-Industrie im freien Fall
Verfasst von hw71 am 01.Dezember 2008
Gefunden bei ftd.de:
Rezession in Amerika
US-Industrie im freien Fall
Schwächster Einkaufsmanagerindex seit 26 Jahren: Das verarbeitende Gewerbe in den USA befindet sich in der schlimmsten Situation seit 1982. Die Aufträge brechen weg, die Preise gehen zurück. Volkswirte erwarten für die US-Wirtschaft ein Fünfprozentminus.
Das verarbeitende Gewerbe in den USA schrumpft so stark wie seit 26 Jahren nicht mehr. Der ISM-Einkaufsmanagerindex, der am Montag veröffentlicht wurde, fiel im November von 38,9 auf 36,2 Zähler. Das ist der tiefste Stand seit 1982. Ein Wert von 50 ist die Scheidelinie zwischen Wachstum und Rezession. Volkswirte hatten im Durchschnitt mit 37 gerechnet.
Besonders schlecht fielen die Auftragseingänge aus. Sie fielen von 32,2 auf 27,9. Das ist der tiefste Stand seit 1980. Der Preis-Subindex ging auf 25,5 zurück. Das ist der niedrigste Wert seit 1949. “Angesichts der sich weltweit ausbreitenden Krise, ist es unwahrscheinlich, dass sich die amerikanische Industrie erholt”, sagte Peter Kretzmer, Volkswirt bei der Bank of America.
Die Börsen gaben nach den Daten deutlich nach. Der Dow Jones rutschte um mehr als vier Prozent ins Minus, der deutsche Leitindex Dax notierte zeitweise sogar fünf Prozent nach.
Schlechter Vorbote für den Arbeitsmarkt
Nach Einschätzung von Gabriele Widman, Volkswirtin bei der Deka-Bank, wird der Abwärtstrend des ISM anhalten. “Angesichts unserer Prognose, dass das erste Quartal 2009 den Tiefpunkt des aktuellen Abschwungs darstellt, rechnen wir für die kommenden Monate weiterhin mit Werten für den ISM-Index von um die 35 Punkte und darunter. Dabei sind zwischenzeitliche leichte Anstiege durchaus möglich, ändern aber nichts an unserem grundsätzlichen Bild einer schrumpfenden gesamtwirtschaftlichen Aktivität bis Mitte kommenden Jahres.”
Der ISM-Einkaufsmanagerindex ist ein schlechter Vorbote für den Arbeitsmarktbericht, der am Freitag veröffentlicht wird. Volkswirte gehen davon aus, dass die Arbeitslosenquote im November von 6,5 auf 6,8 Prozent zulegte. “Ich rechne damit, dass weitere 400.000 Stellen im November abgebaut wurden. Das würde den Druck auf die Behörden in Washington weiter erhöhen”, sagte James Knightley, Volkswirt bei ING.
Der größten Volkswirtschaft der Welt droht eine schwere Rezession. Nachdem sie bereits im dritten Quartal um 0,5 Prozent auf Jahresbasis schrumpfte, spekulieren Volkswirte auf eine noch schlechtere Zahl im vierten Quartal. “Die wird ziemlich mies sein”, sagte Joel Naroff, Präsident von Naroff Economic Advisors, in einem Fernsehinterview. Volkswirte von Goldman Sachs und Morgan Stanley rechnen mit einem Minus von fünf Prozent im vierten Quartal.
Regierung und Notenbank versuchen verzweifelt, den Abschwung zu stoppen. US-Finanzminister Henry Paulson bezeichnet die Lage als “dramatisch”: “Die US-Wirtschaft stürzt in dramatischer Weise ab”, sagte er am Dienstag vergangener Woche – und kündigte ein weiteres 800 Mrd. $ schweres Rettungspaket an – diesmal für den amerikanischen Häuslebauer und Konsumenten.
Miese Stimmung in der Industrie
Ob das Krisenmanagement greift, ist allerdings fraglich. Denn nicht nur der Konsum bricht weg, auch die Exportindustrie schwächelt. Im ersten Halbjahr kurbelte der Verfall des Dollar noch die amerikanischen Exporte an. Doch im zweiten Halbjahr trübte sich der Ausblick zusehends ein – nicht zuletzt, weil wichtige Handelspartner in die Rezession rutschten.
Die Einkaufsmanager der Industrie berichteten im Oktober von den geringsten Geschäftsabschlüssen seit 1982. Vor allem die Auslandsnachfrage brach ein. “Die US-Wirtschaft ist nun in einer schweren Rezession”, sagte Anna Piretti, Ökonomin bei BNP Paribas in New York. Damit droht dem gegenwärtigen Abschwung ein Ausmaß wie bei der schweren Doppelrezession 1980 bis 1982, sagte Bernd Weidensteiner, US-Experte bei der Commerzbank.
Die Auftragseingänge langlebiger Güter für Oktober fielen am Mittwoch vergangener Woche um 6,2 Prozent. Den Transport ausgeklammert, lag das Minus bei 4,4 Prozent. Der Einkaufsmanagerindex Chicago blieb mit 33,8 Zählern deutlich hinter den Erwartungen zurück.
FTD.de, 16:50 Uhr
© 2008 Financial Times Deutschland
